Original

24. September 1927

Der zweite Band Volkslieder, die Broulli unter dem Titel „Aus der Ucht“ gesammelt hat, ist nun erschienen, und ein dritter wird in Aussicht gestellt, der rein luxemburgische Volkslieder, Perlen an Wort und Weise, enthalten soll.

Der erste Band, heißt es in der Vorrede zum zweiten, ist nahezu vergriffen, „ein Zeichen dafür, daß im Volt noch Lust und Liebe zum Gesang fortdauern.“

Es ist eine seltsame Sache um unsern Volksgesang. Ganz eigne Volkslieder haben wir, wie Broulli sagt, nur sehr wenige, was im Volk gesungen wurde, war deutsches Liedergut, stellenweise auf luxemburgisch umgekrempelt. Das deutsche Volkslied ist längst in mehreren trefflichen Sammlungen festgehalten, von denen als eine der letzten der „Zupsgeigenhansl“ genannt sei. Aber von diesen Sammlungen ist nie eine in tieferen Volksschichten bei uns heimisch geworden, und um die alten Lieder uns zu erhalten, hat Broulli deren Veröffentlichung zuerst im „Gukuk“ und dann in Buchsorm in die Hand genommen. Eine Stelle seiner Vorrede zum ersten Band läßt darauf schließen, daß er sie wirklich dem Volksmund nachgeschrieben, nicht etwa einer bestehenden Sammlung entnommen hat. Das ist von großem Wert, insofern, wie er ebenfalls feststellt, diese Lieder oft von Gegend zu Gegend, ja von Dorf zu Dorf Abweichungen in Text und Melodie aufweisen.

Der zweite Band nun enthält ein Lied, das nicht nur ein Schulbeispiel wurzelechter Volkspoeste ist, nicht nur alle Merkmale des seelischen Milieus aufweist, aus dem es gewachsen - Derbheit, Spottsucht, Hochachtung fürs Bargeld bis in die Erotik hinein -, sondern an dem möglicherweise der ganze Werdegang eines Voltsliedes noch nachgewiesen werden könnte. Es ist Nr. 18: „Et wohnt sich ein Weibsbild in der Biergerschaft Mönster.“

Sehr bezeichnend ist es, daß die erste Strophe fast unvermischt hochdeutsch versaßt ist. Nur in „Et“ und „An“ verrät sich der luxemburger Einschlag. In der zweiten Strophe wird schon gleich in der ersten Zeile das hochdeutsche Pfingsten zum luxemburger Peischten, und mit der zweiten Zeile mündet das Lied ganz und gar in unsere Mundart, um in dem unverfälscht und wesentlich luxemburgischen Kraftausdruck auszuklingen: Datt et niwelt a kraacht.

Der Ton des deutschen Volksliedes klingt gleich bei den ersten Worten an in dem beliebten Füllsel „sich“. Durch alle Strophen durch ist die Eigenart festgehalten, die das Volkslied kennzeichnet: Unvermittelte Übergänge, unvorbereitetes Einsetzen der direkten Rede, inselhaftes Hervorheben wichtiger Vorgänge, bei denen näheres Wissen um die Zusammenhänge bei dem Kreise, für den das Lied bestimmt ist, vorausgesetzt wird.

Obgleich dieser Spottgesang auf das heiratssüchtige Weibsbild und ihren Liebhaber alle Stempel der Voltsliederwertstatt trägt, dürfte es doch, nach gewissen Einzelheiten zu schließen, nicht so alt sein, daß über seinen Ursprung nichts mehr zu ermitteln wäre. Der Federhut mit „Putschen ob der Kopp“ und die „uechtzeg Daler“ genügen allein schon zu einer ungefähren Zeitbestimmung. Die Ortschaft heißt bei Broulli „Mönster“, was als Münster zu deuten wäre. Andere singen „Menster“, also Mensdorf. Tatsächlich hörte ich das Lied zuerst im Kanton Grevenmacher. Das Wort „Biergerschaft“ im Sinne von „Ortschaft“ ist ebenfalls wichtig als Anhaltspunkt für die Ursprungsbestimmung. Der „große Crispinus von Brüssel“ lebt ganz sicher noch in der Erinnerung der Dorfgenossen des besungenen Paares. Alle diese Einzelheiten müssen doch einem Volksliedforscher das Wasser in den Mund treiben aus Lust nach Rekonstituierung der ganzen Genesis dieses saftigen Charivariliedes. Wie wäre es, Broulli, mit einer Argonautenfahrt nach Menster?

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    Katalognummer BW-AK-015-3517