Original

23. September 1927

Man kann in den Ferien ans Meer gehen. Oder an einen Bach. Meer und Bach stehen gegeneinander, wie Ewigleit und Zeit. Der eine fließt, hat Anfang und Ende, das andere wogt in sich, ruht in sich, kommt nicht vom Fleck.

Was soll man vorziehen, die Majestät des Ozeans, die Lieblichkeit einer Bachidylle? Die Wahl ist so schwer, wie die Wahl einer neuen Tapete.

Den Dichtern, die die Bibel schrieben, lagen die Gesühlswerte, die dem Bach und den Bächen eignen, sicher viel näher, als die aufrauschende Größe des Meeres.

Und es ist kaum einer unter meinen Lesern, durch dessen Kindheitserinnerungen nicht ein Bach oder Bächlein rauscht.

Am Bach hat jeder Junge die aufregendsten Dinge erlebt, mindestens ein Dutzendmal ist er hineingefallen, mindestens ein Liebesgedicht hat er unter dem Weidenbaum gemacht oder gedacht. Wer es recht bedenkt, wird finden, daß am Bach für jede Stimmung ein Ansiedlungsfleckchen vorhanden war. Wie ließ es sich träumen am Wehr, wo die dunkle Tiefe des Tümpels so seidenglatt über die Wehrkrone in das gläsern durchsichtige Gleiten und das schaumige Rauschen überging! Welche Geheimnisse schliefen in dem hohen Schilf, das an einer Stelle das Ufer einsäumte! Wie unheimlich war einem zumut an der tiefen Strecke, wo das Wasser das Bild des Bodens nicht mehr durchließ, die Wasserspinnen zuckend über die träge Fläche schossen, die blauen Libellen tanzten und wippten. die breiten Blätter des Huflattichs sich selbstgefällig spiegelten. Was ging in dieser dunkelgraugrünen Tiefe vor? Welch geheimes Leben atmete drunten? Mit einer Scheu, wie vor großem, unbekanntem Schicksal hängte man als Kind die Angel hinein, der wunderbaren Abenteuer eingedenk, von denen die Sage ging, daß der und jener im Dorf sie schon beim Fischen bestanden hatte: Wie der Aal von sieben Pfund sich gewehrt hatte, wie einmal einer ein Ungeheuer mit einem Kopf voll brennenden Haares aus der Flut gezogen hatte.

Eigentlich gab es noch nie einen Dichter, der nicht zum Bach ein intimes Verhältnis gehabt hätte. Sogar ein Lyriker auf dem Thron, der Bayernkönig Ludwig, soll in einem seiner berühmtesten Gedichte den Schlußeffekt aus der Bachpoesie geholt haben. „Durch die Mitte der Natur - Zieht sich eine Pappelschnur usw. ... Und dazwischen fließt ein Bach - Ach!“

Ich kam eines Tages durch eine heimische Landschaft, die mir in den Einzelheiten unbekannt war. Einige Stunden von zuhaus. Durch die Wiesen rann ein handbreites Wässerchen. Es unterschied sich von den gewöhnlichen Bewässerungsgräben dadurch, daß es nicht gerade, sondern willkürlich geschlängelt den Grund durchzog, und daß an seinem Ufer Schilf und Wiesendisteln, wilde Iris und andere Wasserblumen wuchsen.

Ich versolgte es eine Weile in seinem Lauf und fand schließlich heraus, daß es der Anfang des Baches war, der sich zuhaus in den Strom ergießt. Und sofort stand ich ihm mit zärtlichen Gefühlen gegenüber. Wie wenn man unvermutet in der Fremde einem entfernt verwandten Kind begegnet. Meine Gedanken folgten ihm Meile um Meile bis dorthin, wo an seinem Ufer die alte Pappel steht, wo er erwachsen seinen Weg durch höheren und verwachseneren Schilf sucht, wo in seine kalte Flut herauf schon leise der sonngewärmte Strom breite, ruhige Wellen schickt. Und wieder ward es erlebt, wie das Fließende die Seele mit allen Fernen verbindet.

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    Katalognummer BW-AK-015-3516