Am 27. Juni d. J. stand in der Beilage der Düsseldorfer Zeitung „Mittag“, Nr. 147, ein Artikel mit solgender Überschrift: Gefahr im Westen. - Französische Kulturpropaganda in Luxemburg. - Die „Alliance Française“, Brücke zur politischen Annexion - Presse, Literatur, Theater. - Deutsche und Gesindel. - Die ernste Gefahr.
Unsere Leser können sich aus diesen Kopfleisten den Inhalt der einzelnen Abschnitte nach berühmten und berüchtigten Mustern schon von selbst herausentwickeln Da lesen wir, daß „heute von einem geistigen und kulturell befruchtenden Austausch zwischen Deutschland und Luxemburg keine Rede mehr sein kann.“ Daß Luxemburg heute „als rein deutsches Kultur- und Völkergebiet einer friedlichen französischen Invasion unterworfen ist.“ Als das wichtigste Instrument dessen sich die französische Expansionsidee bedient, wird die „Alliance Française“ bezeichnet, die durch hohe Orden, Vorträge, Bibliotheken, Theater und sonstige Unterstützungen die Brücke zur einstigen politischen Annexion schlagen will. „Der Erfolg zeigt sich schon heute,“ meint der Artikelschreiber. Früher enthielten die luxemburger Leihbibliotheken höchstens ein Siebtel französische Bücher, heute ist über die Hälfte der Bücher französischen Inhalts. „Die Bevölkerung Luxemburgs, nach Abstammung und Sitte deutsch. beginnt langsam für Frankreich Partei zu nehmen.“ .... „Die Blätter sind meist in deutscher Sprache redigiert, aber die deutsche Sprache erfreut sich nicht der geringsten stilistischen Beachtung, sie ist reichlich mit Gallizismen durchsetzt und entbehrt der grammatikalen Sicherheit.“
Die Antipathie gegen Deutschland will der Artikelschreiber durch den Umstand erklären, daß neben jenen Deutschen, „die aus Lebensrücksichten nach Luxemburg kamen, immer Wert auf ihr Deutschtum legten und es so in Ehren halten, daß sie sich der Achtung des Volkes erfreuen“, es auch jene Individuen gibt, „die ihr Vaterland verließen, um sich in Luxemburg vor Gesetz und Richter zu verbergen. ... Verbrecher. Steuerdefraudanten, Separatisten und anderes Gesindel.“
„Es zeugt immerhin - heißt es stilistisch nicht ganz einwandfrei im Schlußabsatz - von einer gewissen Verständnislosigkeit, wenn man feststellt, daß von deutscher Seite nichts, aber auch gar nichts geschehen ist, um ein deutschsprachiges Volk und wirtschaftlich hochbedeutendes Land vor der Romanisierung zu schützen oder wenigstens der französischen Propaganda eine gleichwertige deutsche entgegenzustellen. ..... Der Bund der Auslanddeutschen in Luxemburg darf nicht müßig sein, er muß in engste Verbindung mit der Bevölkerung treten, aufklärend wirken, damit ein freies, unabhängiges und doch deutsches Volk dem romanischen Einfluß entrissen wird, dem es im Grande wesensfremd gegenübersteht.“
Wenn der Bund der Auslanddeutschen in Luxemburg nicht von Gott verlassen ist, wird er von alledem gar nichts tun. Eines der wirksamsten Mittel, die Luxemburger gegen den Einfluß von Deutschland her kopfschen zu machen, sind Aufsätze in der Art und Tendenz des hier besprochenen.
Den Nutzeffekt der Tätigkeit der „Alliance Française“ hat der Gewährsmann des Düsseldorfer „Mittag“ stark überschätzt. Die „Alliance Française“ war vor dem Krieg zweifellos populärer als heute. Denn sie war damals ein Organ gegen die Überhandnahme deutschen Einflusses. Dafür, daß ihre Bäume heute nicht in den Himmel wachsen, sorgt Frankreich selber in wirtungsvoller Weise schon durch seine Bahnpolitik in unserm Land. Diese wiegt in der öffentlichen Meinung reichlich den Eindruck auf, den die Ordensverleihungen und die Vorträge nicht immer hervorragender Vertreter französischer Kultur etwa auf das luxemburger Volk machen.
Auf unsern Theaterbetrieb hat die „Alliance Française“ so gut wie keinen Einfluß. Wenn weniger deutsche Bücher, als vor dem Krieg, gelesen werden, so weiß jedes Kind, daß daran die Valutaverhältnisse und die unerschwinglichen Preise des deutschen Buchhandels schuld sind. Von dem deutschen Entgegenkommen stand hier seinerzeit ein drastisches Beispiel in Form einer ebenso groben wie überheblichen Ablehnung, mit der ein großer deutscher Verlag die Anregung eines hiesigen Buchhändlers wegen Preisermäßigung beantwortet hatte.
Daß in der luxemburger Presse die deutsche Sprache stilistisch nicht immer auf der Höhe stehr sei zugegeben, aber das war schon so, als noch keine „Alliance Française“ bestand und als auch in der hiesigen französischen Presse mit Sprachkunst kein Staat zu machen war.
Wenn über Luxemburg nur die Leute schreiben wollten, die es kennen, so wüßte man längst im Ausland, in Deutschland wie in Frankreich und Belgien, daß wir es als eine Anmaßung empfinden müssen, wenn jemand von draußen über uns verfügen will. wie es der Korrespondent des „Mittag“ offenbar tut, indem er sich den Anschein gibt, uns der „Alliance Française“ aus den Fängen zu reißen. Wir sind so wurzeltief ein „freies, unabhängiges Volk“, daß wir es aufrichtig bleiben wollen, und daß jeder Druck bei uns einen Gegendruck erzeugt. der dem Gleichgewicht, unserm politischen Status zustrebt.
Wer über empfindliche Antennen verfügt, spürt immer Druck und Gegendruck, wenn er auch nicht immer bis Düsseldorf reicht.