Mir war irgendwo das Gedicht Dehmels unter die Augen gefallen, in dem ein Arbeiter von der Kostbarkeit der Zeit spricht, daß ihm, um frei zu sein, wie die Vögel sind, nur Zeit fehlt.
In derselben Sekunde stand vor mir im Geist ein Freund und Tischlermeister, namens - nennen wir ihn Bernhard.
Er stand vor mir, wie er grade aus der Tür des alten Patrizierhauses getreten war, wie er eben grüßend an sein Käppchen gegriffen hatte, bevor sich die Türe hinter ihm schloß. Er war im schwarzleinenen Schurzfell und in Hemdsärmeln. In seinen Zügen war tiefe innere Empörung zu lesen und sein sanfter Bariton bebte, als er sagte:
„Alles kann ich ertragen, nur nicht, daß man mich mutwilligerweise warten läßt.“
„Haben sie Ihnen was zuleid getan?“
„Och, es ist ja wahr!“ sagte er und warf unwillig, schon mit einem kleinen Einschlag von Humor, den Kopf hin und her. „Und grade die! Ausgerechnet so ’ne Sorte!“
Er setzte sich mit mir langsam in Bewegung und erzählte mir, was ihm zugestoßen war. Die Herrschaft, vielmehr die Gnädige hatte ihn auf 11 Uhr vormittags bestellt, um ihn wegen einer schadhasten Täfelung zu Rate zu ziehen. Punkt 11 Uhr hatte er sich eingestellt. Das Dienstmädchen hatte ihn, als er nach der Madam fragte, ein wenig spöttisch angesehen und gesagt, sie wisse nicht, ob die Madam noch zuhause sei. - Aber er sei bestellt! - Das sei egal. Jenun, sie werde einmal nachsehen. - Die Madam sei im Bad, hieß es. Als er eine halbe Stunde gewartet hatte, lachte ihm die Zofe ins Gesicht und sragte. ob er denn noch nicht erraten hätte, daß die Madam bis Mittag schlafen wollte. - Ja, aber sie habe ihn doch bestellt, das Mädchen möchte sagen, er sei da. - Das habe sie schon dreimal gesagt, aber die Madam habe gemeint, es sei gut, sie komme gleich. - Und sich auf die andere Seite gelegt.
Bei dieser Stelle seiner Erzählung blieb der alte Herr stehen, biß auf die Zähne, stieß einen Fuß ingrimmig aufs Pflaster und keuchte: „So ein saules Aas! Die kann lange warten, bis ich mich wieder von ihr bestellen lasse.“
Er blies und pustete ein paarmal krästig, bis er dem inneren Druck Luft gemacht hatte.
„Sehen Sie, das ist nicht so einsach. Man denkt: Der Mann sitzt da und wartet, wartet eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, er hat nichts zu tun, kann sich gemütlich ausruhen, er soll sich der willkommenen Muße doch freuen. Er kann warten. Kreuz Himmel und die Welt! Er kann warten! Wissen Sie, daß nichts den Arbeitsmann in größere Wut versetzt, nichts ihn so demütigt, wie dies: Er kann warten! Wenn ich für jemand arbeite, gehöre ich mir. Ich lebe für mich, ich arbeite letzten Endes für mich Ich gebe dem andern meine Arbeit, er gibt mir sein Geld. Läßt er mich warten, unnötigerweise warten, so verfügt er nicht über meine Ware, meine Arbeit, sondern über meine Person, über mein Leben. Während ich für ihn warte, bin ich zu nichts nutz, es ist, als schnitte er ein Stück aus meinem Leben heraus und würfe es zum Zeitvertreib durchs Fenster auf die Straße, als ein wertloses Ding, wie ein Stück einer alten Tapete. Als sagte er: Deine Zeit! Was liegt mir an Deiner Zeit! Ich verfüge darüber, wie über die Luft. Aber meine Zeit, Herr, das ist mein Leben. Und mein Leben, das gehört mir. Und da soll so ’ne .... na, ich will mich nicht ärgern. Trinken wir zusammen ein Schöppchen.“
Um so frei zu sein, wie die Vögel sind, nur Zeit!