Ob Sie wollen oder nicht, wir kochen heute noch einmal „Miß Luxemburg“. Zum Abschied. Sie hat ihre Gastspiele in Luxemburg beendet und ist auf ein paar Tage zu ihrem Vater nach Differdingen gefahren.
Jemand fragte sie: „Was tut Ihr Vater in Differdingen?“
„Ma e schafft,“ sagte sie, ein wenig verwundert ob der merkwürdigen Frage. Als ob jemand annehmen könnte, ihr Vater sei entweder reich oder faul genug, um nichts zu arbeiten!
Wir wollen, wenn Sie gestatten, nicht von der „schönen“ Miß Luxemburg reden, sondern den Ton auf das zweite Wort legen. Schön ist sie, das bezeugen ihr alle Männer, die sie hier gesehen haben, und sogar einzelne Frauen. Die nichts zu fürchten haben. Ihre Schönheit ist gewissermaßen pasieurisiert, alkoholfrei, einige sagen asexuell. Weil nichts daran überbetont ist, alles zum Ganzen strebt, alles normal ist. Normal nach dem Kanon der Schönheit einer Zeit, die mit der Liebe von gestern und vorgestern aufräumen will.
Also lassen wir das mit der Schönheit ein für allemal auf sich beruhen, als ein Talent, das eine gütige Fee, ein glückliches Spiel von Kräften dem jungen Mädchen von Differdingen in die Wiege gelegt hat und mit dem sie anscheinend nicht ungeschickt zu wuchern verfieht.
Dazu gehört bekanntlich nicht nur ein Kapital, sondern Verstand und Charakter.
Wir können und werden nicht behaupten, daß körperliche Schönheit ein hervorstechendes Merkmal unserer luxemburger Rasse sei. (Wenn einer das Bestehen einer luxemburger Rasse in Abrede stellt, so soll er doch sagen, ob sich nicht wenigstens ein luxemburger Durchschnittstyp herausgebildet hat, der uns überall kenntlich macht.) Aber wir dürfen von unserm Charakter und unserer Einstellung zum Leben als von Besonderheiten reden, die sich durch lange Geschlechterreihen herausgebildet haben und die durch die. Eigenart unseres nationalen Seins und Daseins bedingt sind. Wir reden mit Recht und mit Stolz von unserm Sinn fürs Echte, Deftige, Sachliche, von unserer angeborenen Abneigung gegen Aufgedonnertheit, Kinkerlitzchen, feierliche Dummheit und dumme Feierlichkeit; was andererseits einen Hang zur Selbstironisierung begünstigt. Wir haben gesunden Erwerber- und Besitzerinstinkt, halten im allgemeinen mehr vom langsamen, aber sichern Anwachsen eines Besitzes, als von den Raubzügen der Spekulation, obgleich es da schon zahlreiche Ausnahmen gibt. Unsere Seelen sind im Grunde noch Bauernseelen, die meisten jedenfalls, auch wenn Fabrik und Stadt schon auf sie abgefärbt haben. Wir haben zwischen dem Draußen der Äcker und Wälder und dem Drinnen der Büros und Kontors und Maschinenräume weniger Zusammenhang, als andere, bei denen die allgemeine Wehrpflicht in den Retorten der Kasernen alles auf Gedeih und Verderb durcheinander gerührt hat.
Wir dürfen, wie Sie sehen, noch immer von einer luxemburgischen Eigenseele reden.
Wenn nun einer von uns draußen vom Leben zwischen die Fäuste genommen, in die Tiefe oder in die Höhe getragen wird, und er bleibt im Innern unverändert, behält seinen luxemburger Wesenston und ist stolz darauf, so dürfen wir darüber - meinen Sie nicht? - eine gewisse Genugtuung empfinden, erstens weil der Stoff sich als haltbar erweist und zweitens weil unsere Art, von außen gesehen, schließlich doch den Vergleich aushält, sonst bekännten sich unsere Besten nicht zu ihr.
Fräulein Panline Kemp aus Differdingen ist als Miß Luxemburg geblieben, was sie war. Dazu gehörte mehr, als die meisten von uns wissen. Sie wird es bleiben. Wenn Sie ihr gegenüber einen Zweifel daran äußern, so bekommt sie ihre Grübchen in die Wangen, lacht mit leisem, melodiösem Kehllaut - ich wette, wenn sie sich als Sängerin ausbilden ließe, würde sie berühmter, als Pauline Lucca -, zeigt alle ihre Zähne und sagt: „Wenn ich einmal reich bin, baue ich meinem Vater und mir eine Villa in Luxemburg.“
Einstweilen ein guter Rat: Wer sich eine der vorzüglichen Photographien mit Widmung zu verschaffen wußte, die hier von ihr gemacht wurden, hebe sie sorgfältig auf. Wer weiß, was sie später einmal wert werden!