Original

13. Oktober 1927

„Sehen Sie“ - sagt im «Gendre de Monsieur Poirier» der adlige Eidam zu seinem Spießer von Schwiegerpapa - „sehen Sie, es ist gar nichts, ein einfaches kleines Zwiebelchen, und doch pumpt es Ihnen die Augen voll Tränen.“

Es war gar nichts, eine alltägliche Begegnung mit Händedrücken, und doch werden Sie vielleicht mit uns darüber lachen.

Wir trafen uns auf der Neuen Brücke, Jacques und ich, während wir beide stadtwärts strebten. Am diesseitigen Brückenkopf blieben wir stehen und tadelten die zuständige Stelle wegen des Unverstandes, mit dem sie die Straßenpflege ausübte. Tagelang waren Staubwolken von dem neuen Pflaster aufgewirbelt, weil man sich nicht hatte entschließen können, die Bodenschicht, die man schonungshalber über das neue Pflaster gebreitet hatte, zu entfernen, nachdem sie keinen Zweck mehr hatte. Um nun die Staubwolken zu verhindern und den gewohnten Dreck nicht entbehren zu müssen, ließ man die Berieselungswagen hin- und herfahren, bis die trockne Staubschicht in Schlamm verwandelt war.

Darüber ärgerten wir uns, Jacques und ich, wie es Bürger und Steuerzahler als ihr gutes Recht und sogar ihre Pflicht betrachten dürsen. Dann reichten wir uns die Hände zum Abschied und wünschten uns gegenseitig Gesundheit und Wohlergehen. Als wir weitergingen, stellte sich heraus, daß wir denselben Weg hatten, nämlich den Königsring hinauf.

An Servais Eck blieben wir wiederum stehen, in der Meinung, daß sich hier unsere Wege trennten. Wir sahen grade Miß Luxemburg mit einem Gefolge von Verehrern beim Pole Nord herauskommen und tauschten unsere Eindrücke über sie aus. Dann reichten wir uns die Hände zum Abschied und wünschten uns gegenseitig Gesundheit und Wohlergehen.

„Ich muß hier rechts um die Ecke,“ sagte Jacques.

„Das ist auch mein Weg,“ sagte ich.

Wir konnten nicht umhin, über die leise Komik der Situation zu lachen, und gingen weiter bis an die Ecke der Synagoge.

Dort blieben wir a tempo stehen und sprachen von der Zeit, wo drüben an der Stelle des Casino noch das städtische Spritzenhaus gestanden und der Kutschenvermieter Kahlen seine Ställe gehabt hatte.

„Ich werde erwartet, du mußt mich entschuldigen,“ sagte Jacques.

„Ich auch,“ sagte ich.

„Adieu,“ beide.

Wir reichten uns die Hände zum Abschied und wünschten uns gegenseitig Gesundheit und Wohlergehen.

„Ich muß hier hinauf,“ sagte Jacques und zeigte in die Richtung der Post.

„Ich auch,“ sagte ich, und lachend gingen wir selbander bis an die Ecke am Schulhof.

Dort, im Angesicht der umliegenden Banken, begannen wir ein Gespräch über den sagenhaften luxemburger Franken, über unsere inländischen Finanzen, die Indexziffer und dergleichen, bis Jacques sagte:

„Jetzt muß ich aber Schluß machen. Wie geht dein Weg?“

„Hier grade aus,“ sagte ich.

„Gut,“ sagte er, „ich gehe links herum.“

Diesmal trennten wir uns wirklich mit einem endgültigen Händedruck, nicht ohne uns zum Abschied gegenseitig Gesundheit und Wohlergehen gewünscht zu haben. Zum vierten Mal.

Ich ging die Straße am Schulhof hinauf, den Kasernenplatz vorbei, bog oben an der Ecke links ab und lenkte meine Schritte nach dem Café de la Paix.

An der Türe stieß ich auf Jacques. Er war seinerseits das Stückchen Monterey-Avenue und dann den Königs-Ring hinauf gegangen.

„Gottes Wege sind wunderbar,“ sagte er.

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    Katalognummer BW-AK-015-3533