Gestatten Sie eine kleine Auseinandersetzung.
Sie veröffentlichen in einer luxemburger Zeitschrift, die sich, man weiß nicht recht warum?, „Jonghemecht“ nennt - eine Heimat ist um so schöner, je älter sie ist -, in dieser Zeitschrift also veröffentlichen Sie einen Aufsatz, der auf uns anmaßend und provokant wirken müßte, wenn er nicht so naiv wäre. Die Redaktion veröffentlicht ihn ohne Kommentar. Die Frage bleibt also offen, ob sie ihn billigt oder nicht. Ein Drittes freilich ist möglich: daß sie ihn überhaupt nicht verstanden hat. Das wäre eine Entschuldigung.
Die Naivität Ihres Aufsatzes liegt darin, daß er uns mit Zumutungen kommt, die schon vor zirka achtzig Jahren an uns abglitten. Ihr deutscher Bischof Laurent, der hier eine kurze politische Gastrolle gab und im Zeichen Roms zu wirken suchte, was sich im Zeichen Berlins nicht wirken ließ, hatte schon, genau wie Sie, mit dem Liberalismus in Urfehde gelegen, ihn mit Franzosentum gleichgesetzt und den französischen Teufel durch den preußischen Beelzebub auszutreiben gesucht. Sie sehen, Ihre Theorie vom Liberalismus als Sündenbock ließe sich unter Zuhilfenahme jenes deutschen Kirchenfürsten dazu benutzen, die Frage der Schuld am Krieg glatt zu entscheiden, die in der endgültigen Befriedung der Welt wie ein Astknoten drinsitzt.
Wenn einer von uns es sich beifallen ließe, den deutschen Grenzblättern Propagandaartikel anzutragen, die von den früher luxemburgischen Landesteilen seelischen Anschluß an das alte Mutterland verlangten, so wiese man ihm hohnlachend die Tür. Sie halten es für selbstverständlich, Herr Doktor, daß Sie sich als Ausländer unserer Volksseele als Wegweiser aufdrängen. Wenn Sie nicht verstehen, wie das auf uns wirken muß, ist Ihnen nicht zu helfen.
Zweisprachigkeit ist unproduktiv, meinen Sie, und kulturschöpferische Eigenkräfte lassen sich dem Heimatgedanken nicht entnehmen. Sie denken sich über der Heimat gewissermaßen als Kulturdrüse das deutsche Vaterland mit dem, was Sie die deutsche Volksseele nennen. Das wäre erst zu definieren. Es sind Anzeichen dafür vorhanden, daß die deutsche Volksseele schon lang vor der preußischen zu weichen begonnen hat. In Ihrem Sinne wäre ein preußisch übertünchter Nassauer zum Beispiel ein ebensolcher Zwitter, wie jeder Luxemburger.
Sie stellen sich unter Zweisprachigkeit etwas vor, was sie nicht zu sein braucht. Es gibt in Sachen der Kultur das Genießen und das Produzieren. Der Zweisprachige kann sehr wohl durch beide Sprachen genießen und nur in einer davon produzieren. Als Zweisprachige sind wir Ihnen, Herr Doktor, im Kulturgenießen über.
Unter kulturschöpferischer Tätigkeit verstehen Sie offenbar schriftstellerische und künstlerische Werteschaffung. Sie haben Unrecht, aber bleiben wir einen Augenblick dabei.
Der Zweisprachige kann sehr wohl eine der beiden Sprachen so vollkommen beherrschen, daß er darin hemmungslos zu sagen fähig ist, was er denkt und empfindet.
Aber Sie meinen, die Heimat an sich berge keine kulturschöpferischen Eigenkräfte. Darum müsse Luxemburg, ohne größeres seelisches Vaterland über sich, an Unfruchtbarkeit zugrunde gehen.
Lieber Herr Doktor, aus welchem geistigen und seelischen Grund sind denn die Werke des deutschen Schrifttums gewachsen? Aus der Heimat und nicht aus dem Vaterland. Der Sturm, der durch Goethe’s und Schiller’s Zeit fegte, hatte sogar den deutschen Vaterlandsgedanken derart verweht, daß sich bei Ihren beiden Größten davon nur schwache Anklänge finden. Schiller umschlingt Millionen und schickt einen Kuß der ganzen Welt; wenn er vom Vaterland, dem teuern, deklamiert, meint er die Schweiz, und Goethe hatte sich nach Hellas in Sicherheit gebracht. Ihr Bestes ist immer regionalistisch, also heimatlich, von Raabe bis Hauptmann, von Fontane und Keyserling bis Schickele. Werke mit warmem Fleisch und Blut sind immer nur aus dem Schoß der Heimat geboren. Anders aus der Historie. Wo aus dem Vaterland? Einer von uns hat ein paarmal versucht, Werke in deutscher Umwelt anzusiedeln, es wurde blasses Anempfinden und phrasige Buchreminiszenz.
Unsere luxemburger Heimat birgt wie kaum ein anderes Fleckchen Erde die Fermente aller Art, aus denen der eine auf deutsch, der andere auf französisch, ein dritter auf luxemburgisch literarische Kultur schaffen könnte. Aber daß wir so wenig produktiv bleiben, liegt daran, daß unsere Gemeinde zu winzig ist, um eine stärkere Produktion aufzunehmen. Wenn Sie drüben im Reich sich einmal dazu entschließen könnten, uns mit Ihrer bärenhaften Propaganda unbehelligt zu lassen und uns zu nehmen, wie wir sind, als ein Gegebenes, das in seiner Eigenart an und für sich und nicht bloß als mögliches Erwerbsel für Sie interessant ist, so wäre bald von unserer Unproduktivität keine Rede mehr.