Original

18. Oktober 1927

Kennen Sie das Nullspiel?

Es war in unserer Schulbubenzeit als „sitzende“ Unterhaltung sehr beliebt.

Auf eine Schiefertafel wurde eine Anzahl Nullen in der Anordnung eines Kegelspiels gemalt; von den zwei Spielern bezeichnete der eine eine Null, von der zu einer andern Null der Gegenspieler einen Strich zu ziehen hatte. Das ging so lange, bis der Weg endgültig durch Striche versperrt war und ein neuer Strich zwischen zwei bezeichneten Nullen nicht mehr möglich war, ohne einen andern zu schneiden.

Wenn bei unsern Schulbuben heute dasselbe Spiel noch im Schwang wäre, hätten sie es sicher schon umgetauft und „Rue barrée“ genannt. Bald ist es wirklich so weit, daß die Bauverwaltung gegen den Verkehr gewonnen hat, bald wird der Weg von einem Punkt zum andern endgültig abgeschnitten sein. Wenn die besitzlose Klasse zu Schadenfreude neigte, könnte sie in diesen Tagen schwelgen. Auf Schritt und Tritt begegnet man einem Auto in tausend Nöten auf der Suche nach dem Ausgang aus dem Nullspiel des Straßenbauamtes.

Dafür haben wir allerdings Aussicht darauf, daß unser Straßennetz im Weichbild der Stadt nach seiner Fertigstellung eine Musterkarte von Systemen darstellen wird. Unzählige Asphaltnamen auf am und it werden Hand in Hand mit dem Granitpflaster durch das Büdget schwirren. Hier wird dein Fuß auf silbergrauem Plan schreiten, dort wirst du wie auf schwarzem Hartgummi dich federnd wiegen, immer in dem gehobenen Gefühl, das aus dem Bewußtsein fließt, daß jedes Quadratdezimeter des Bodens unter dir eine zweistellige Ziffer kostet, und daß du als guter Staatsbürger willig deinen Teil davon bezahlst.

Niemand wird sagen können, daß diese straßenbauliche Erneuerungswoge nicht von Lust und Liebe zur Sache getragen wird. Ich weiß jedenfalls eine Strecke, die nach dem schönen alten Rezept Boileau’s besorgt wird: Vingt fois sur le métier remettez votre ouvrage. Sie wird gestrählt, wie eine Braut, immer wieder. Wenn man denkt: Jetzt kommt die Vollendung! - immer wieder kommt eine neue ungeahnte Phafis der komplizierten Toilette. Kein Dichter hat je so lange an einem Sonett gefeilt, wie die Techniker an diesem Stück Straße. Erst kam die Dampfwalze und riß ihr das alte Schotterkleid in Fetzen vom Leib. Dann fuhr sie ihr knirschend über die zerschundene Haut. Dann kam ein anderer Steinbelag, der wiederum sorgfältig festgewalzt wurde. Inzwischen wurden an den Seiten die gepflafterten Rinnen sorgfältig Stein um Stein in ihre Bestandteile zerlegt und wieder zusammengefügt. Wo ein viereckig umpflasterter Wasserleitungshydrant die Fläche unterbrach, sah man tagelang Männer beschäftigt, ihn ins Ganze zu passen; auf dem Trottoir erschien eines Tages eine Reihe schwarzer Hausen, von denen die Sage ging, sie seien das Material, das zum Asphaltieren dieser Strecke bestimmt ist. Inzwischen fährt die Dampfwalze immer noch hin und her, mit Luft und Liebe, wenn man das von einer Dampfwalze sagen kann. Das dauert nun schon so lange, daß man sich kaum noch der Zeit erinnert, wo es einmal anders war. Die Nachbarschaft betrachtet mißtrauisch die Haufen der schwarzen Masse, von der niemand weiß, wie sie sich bei eventuell eintretendem Regenwetter verhalten würde.

Man weiß, wie gefährlich es sein könnte, sich die Unsterblichkeit an den Hals zu wünschen. Aber manchmal wandelt mich doch der Wunsch an, unsterblich zu sein, nur damit ich es sicher - vielleicht? - erleben könnte, unsere Straßen, unsere Kanalisation und unsern Bahnhof in fixfertigem Zustand zu bewundern.

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    Katalognummer BW-AK-015-3537