Amerika rückt uns immer näher auf den Leib. Also muß uns daran liegen, es im Guten und Bösen kennen zu lernen.
Nicht jeder hat die nötige Anzahl von Dollar liegen, um hinüberzufahren und sich dicht am lebenden Objekt zu unterrichten.
Also müssen wir uns mit Büchern und Zeitungen behelfen.
Zeitungen, zumal amerikanische, sind oft schlechte Bezugsquellen für objektive Wahrheiten. Bücher von talentvollen Schriftstellern sind erstens aufrichtiger, zweitens malerischer und anschaulicher.
Diese Einleitung soll dazu dienen, Ihnen für den Augenblick zwei Bücher zu empfehlen, deren jedes einen Typ des modernen Amerikaners - im Grunde denselben, denn es gibt nur einen - genau nach dem Leben schildert.
Beide sind im Verlag Tauchnitz erschienen: „Babbitt“, von Sinclair Lewis und „The Plutocrat“, von Booth Tarkington.
Der Plutokrat ist ein Herr Tinker, Moneymaker, den wir als Folie zu einem jungen Dramatiker auf der Herüberfahrt an Bord eines Luxusdampfers kennen lernen. Dollarkönig auf Reisen. Gondelt hoch zu Kamel und Auto quer durch Algerien, bringt mit seiner freigebigen Taufpatengeste Stadt und Land in Aufruhr und bewährt sich überall als der gute Kerl und Helfer in der Not, wobei er keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht und dieserhalb öfters mit den Gefühlen seiner Gattin in Widerspruch gerat. Der Verfasser hat sich seinen fertigen Typ vorgenommen und ihn amüsant abgeschildert.
Sinclair Lewis baut den seinigen vor uns auf, beklopft ihn von allen Seiten, als Busineßman, als konfessionelles Phänomen, als Clubwesen, als Freund, als Gatten, als Opfer des Johannisfeuers usw. Babbitt ist der Durchschnittsbürger einer Stadt, namens Zenith, die ihrerseits eine amerikanische Durchschnittsstadt ist, insofern sie aus kleinen Anfängen sich rasch entwickelt hat und sich weiter zur Konkurrentin anderer, ähnlicher Städte entwickeln wird.
Sinclair Lewis’ Stil ist eine Sache für sich. Er liegt den Dingen an wie eine Schlangenhaut. Die Sprache ist natürlich mit Amerikanismen gespickt, aber bei einiger Übung errät man deutlich den Sinn. Es ist viel Onomatopoesie in den Wortern. Was sich ohne Erläuterung, durch reine Wortkunst klar machen läßt, wird auf diese Weise klar gemacht Das Verfahren ist manchmal einfach, wie das Ei des Kolumbus. Babbitt ist Strohwitwer und kommt in seiner Einlitzigkeit (bitte, das Wort steht bei Gerhart Hauptmann) auf die Idee, bei seiner Daktylo Trost und etwas fürs Gemüt zu suchen. Er girrt sie an: „Wo wollen Sie Ihren Urlaub verbringen?“ Darauf sie: „Ich denke ich gehe obenaus in den Staat auf eine Farm soll ich den Mietvertrag Siddons noch diesen Nachmittag tippen ich denke ich kann ihn abschreiben wenn ich mit den Briefen fertig bin.“ Dazu rafft sie ihre Bleistifte zusammen. Man hört sie, wie sie ohne Interpunktion kühl und sachlich ihre Worte hinlegt, ohne aufzublicken.
Dies Buch vom amerikanischen Durchschnittsmann ist anregend und stimmt nachdenklich. Keines ist so geeignet, den Zwiespalt aufzuzeigen zwischen dem hypertrophierten Erwerbstrieb, der hinter dem Bürger von Zenith her ist, und dem unklaren Bedürfnis nach Dingen, die außerhalb des Erwerbs liegen; das nervöse, instinktive Suchen nach Befriedigung, wenn Fabrik, Kontor und Börse geschlossen sind. Und schon wird der Abstand klar zwischen denen von gestern, heute und morgen. Babbitt, dessen Aufstieg im Rennbahntempo erfolgte, sieht die Jugend schon vor sich um die nächste Ecke biegen. Er kann sich auf sie keinen Vers mehr machen. Die Maßstäbe fallen ihm aus der Hand. Sein Sohn Ted hat Altersgenossen und junge Mädchen aus der Bekanntschaft zu einem Fest im Elternhaus geladen. Babbitt sieht zu später Stunde ein Pärchen nach dem andern verschwinden und draußen in einem der wartenden Autos Unterschlupf suchen. Er forscht nach und findet, daß sie sich heimlich dem Whisky ergeben. Weil es doch so streng verboten ist!
Es ist literarisch ein großer Unterschied zwischen den beiden Büchern, aber es gewährt einen eigenen Genuß, sie gleich nacheinander zu lesen. Das eine, das von Mr. Tinker haudelt, ist reine Unterhaltungsliteratur, die Charakterschilderungen sind zum Teil karikaturistisch durchschossen; bei Sinclair Lewis ist auch herber Humor, aber daneben unnachsichtige Beobachtung; psychologische Kleinarbeit, eindringliches Schürfen.
Es ist lange nicht mehr an dem, daß ein TauchnitzBand als notwendiges Attribut der Altjüngferlichkeit gilt, wie es eine Zeitlang immer einer dem andern nachbetete. Der Verlag hat seit Jahren tatsächlich viel des Wertvollsten, was englisches und amerikanisches Schrifttum hervorbrachte, dem Festland zugänglich gemacht. Dazu gehört unter andern auf alle Fälle das Buch „Babbitt“.