Original

27. Oktober 1927

Schreiben und Schreiten: Beide sind überraschend ähnliche Künder, wenn es sein muß Verräter des Charakters. Obgleich beim Schreiben die Form aus lang geschliffenen Bahnen unbewußt entfließt, während beim Schreiten grade die Überbewußtheit formgebend zu sein scheint. Weshalb man von einem eingebildeten, geckenhaften Gang, aber kaum von einer solchen Schrift redet.

Dagegen verraten sich dir beim ersten Blick auf Schrift und Gang eines Menschen sein Charakter und meist auch sein Bildungsgrad. Schrift ist nicht so unmittelbar Ausdruck des Willens zum Schein, wie der Gang, es sind feinere, weiter verzweigte Innervationsvorgänge, die sie in jahrelanger Auswirkung bestimmen und mehr oder weniger festlegen. Der Gang ist oft mehr grobkörniges Augenblicksprodukt. Aber auf Unbefangene wirkt er stets als erste Wefensausstrahlung. Gretchen war von Faustens Gang nicht weniger entzückt, als von seinem Kuß.

Niveau des Schreitens und Schreibens ist selbstverständlich nicht im selben Individuum immer gleich. Ein Tanzlehrer kann den Gang Apollo’s haben und eine Klaue schreiben, der man den Analphabeten auf Meterweite ansieht. Eine Tänzerin kann jedem Gebildeten das Zitat auf die Zunge rufen: Incessu patuit dea - und doch schreiben wie eine neunjährige Volksschülerin. Bildung hat mit dem Charakter nichts zu schaffen, so wenig, wie Zivilifation mit Kultur. Es ist überhaupt denkbar, daß sowohl aus der Schrift wie aus dem Gang jedes Charakteristische heraus pasteurisiert wird. Jeder Graphologe wird Ihnen sagen, daß eine scharf durchtrainierte kaufmännische Schrift so wenig Charakter ausstrahlt, wie ein Schreibmaschinenbrief. Ebenso muß von dem Nekruten, dem sie auf dem Kasernenhof und Exerzierplatz die Hammelbeine drei Jahre lang grade gezogen haben, gesagt werden, daß sein Gang gewissermaßen neutral geworden ist, sans savor et sans odor, wie unser alter Chemieprofessor zu sagen pflegte.

Aber überlaßt einen Menschen sich selber, für die Schrift nach der Volksschule, für den Gang nach der Kinderstube, so wird sich sein Charakter in beide hineinfüllen, wie Luft in einen leeren Raum.

Ein Merkwürdiges hat der Gang vor der Schrift voraus. Es kennzeichnet ihn auffallend als Augenblicksprodukt der Charakteranlage: daß er nämlich drolligerweise rückwärts wirkt, wenn jemand sich ihn unrechtmäßig aneignet. Das gibt es. Ich habe einen Freund, der die Gabe der Nachahmung in seltenem Maße besitzt. Er macht nicht nur Stimme und Redeweise, sondern auch Gang und malerische Gebärden bestimmter Personen ergötzlich nach. Unter andern den Gang eines Mitbürgers, der durch Überhebung, feierliche Dummheit und eingebildetes Wesen, gemischt mit Verschlagenheit sich einen Namen gemacht hat. Seltsam, sagte einmal dieser Verwandlungsdilettant - seltsam, wie diese Art zu gehen einem zu Kopf steigt. Ich weiß nicht, ist es, weil man in sich künstlich die Psyche erzeugen muß, der dieser Gang adäquat ist, oder wirkt umgekehrt die prätentiöse Bewegung auf den inneren Komplex? Ich würde es nicht wagen, dauernd dieses Spiel zu treiben, ich weiß nicht, ob nicht am Ende doch etwas hängen bliebe.

Nun der Gang der Betrunkenen und der Irren: Hat er nicht sein Anakogon in der Schrift der geistig Abnormen? Spricht man nicht mit Recht von Buchstaben, die torkeln, von einer Schrift, die gestikuliert, hinkt, herumirrt?

Bis jetzt war es nur möglich, die Schriftproben zu bewahren, aus denen der Charakter der großen Toten sprach, von Napoleon bis Schinderhannes. In Zukunft wird uns das Kino auch zeigen, wie die gegangen sind, über deren Inneres wir gerne Bescheid wüßten.

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    Katalognummer BW-AK-015-3545