Original

30. Oktober 1927

Wenn einer im besten Mannesalter steht und ein recht frisches Gesicht hat, von jenem gesunden Not, das nicht ist, wie alter Burgunder und auch nicht wie Radieschen und Rosenblätter, sondern wie eine Mischung aus den Dreien - wenn also einer auf diese Weise rot ist, sagen die Leute von ihm: Seht wie grün er noch ist.

Daher kommt es, daß rot und grün Komplementarfarben sind.

Ein Phänomen dieser Art war mir gestern bei einem Bilderrahmer zu sehen vergönnt. Peter Blanc hatte es mit unerschöpflicher Verve gemalt. Im Mittelpunkt eines Diploms für langjährige Verdienste um eine Corona hungriger Mitbürger. Kurzum, es ist die Rede von Herrn Louis Klein, dem Direktor der landwirtschaftlichen Betriebe der Arbed. Wieder, wie Sie sehen, eine Sache zwischen rot und grün, dem Rot der Hochofenfeuer und der angeflammten Nachthimmel und dem Grün der Fluren, über die dieser Liebling der Götter gesetzt ist.

Obenan steht er auf dem Bild und überleuchtet mit seiner Person das Ganze, wie die Sonne die Landschaft. Sein Gesicht und seine Augen künden ein Alter zwischen achtzehn und dreiundzwanzig, sein fröhlicher Spitzbart hat die Farbe der Blüten im Mai. Unter ihm springen die Attribute und Ergebnisse seiner Tätigkeit einen Reigen so bunt wie ein Herbstwald. Bald ist es ein wiehernder Hengst, bald ein Gockel, bald ein sympathischer Vertreter der Hornviehrasse. Zur Abwechslung folgen die phänomenalsten Gemüse. Und Schweine! Schweine, meine Herrschaften! Die hat Louis Klein zur Höhe einer nationalen Einrichtung erhoben. Vor seinen Schinken erblassen Ösling und Westfalen und Yorkshire, seine Ferkel quieken im zartesten Baby-Alter förmlich nach der Hand, die sie in die transzendentere Form des „Ferkel in Gelee“ überführen soll; das heißt, wenn sie nicht gar zu den Auserwählten gehören wollen, die mit zartem Teig umhüllt im Backofen zu jenem aromatischsaftigen Gebilde emporgeläutert werden, das etwas wie eine Heiligsprechung verwirklicht. Einen edleren Vorwand, sich um einen Tisch zu setzen und den Produzenten solcher köstlichen Dinge zu feiern, gibt es nicht.

Also da ist einer, der es fertig gebracht, der Landflucht in umgekehrter Richtung zu Ruhm und Lohn zu verhelfen. Er ist nicht vom, sondern zum Lande geflohen, und beide befinden sich wohl dabei. Als reiner Städter hat er den Weg in die Weite und in die Werkstatt gefunden, wo die ursprünglichste Werteschaffung unter freiem Himmel über Berg und Tal vor sich geht, wo sich die Hände der einen regen, damit die Münder der andern die lebenspendende Nahrung empfangen. Er ist unter die Nährväter gegangen. Man denkt sich mit Interesse in die Träume des Jungen hinein, in dem der Entschluß reifte, statt eines seßhaften Berufes, wie er den andern Städtern liegt, den Pflugsterz zu ergreifen. Man folgt ihm in Gedanken auf die landwirtschaftliche Hochschule in Gembloux, wo er seinen Ingenieur baute, man sieht mit wachsender Teilnahme, wie er die Übung vornahm, die der Franzose „reculer pour mieux sauter“ nennt. Das heißt, wie er ins ferne Ausland, nach Ägypten in Stellung ging, um den Anlauf zu nehmen, in dem er daheim bis auf den höchsten Gipfel gelangte, den seine Laufbahn im Staat aufweist. Von diesem Gipfel holte ihn sich die Privatindustrie, die bekanntlich immer dem Staat die Perlen wegschnappt.

Gestern abend feierten ihn seine Arbed-Kameraden: Die, die Eisen und Stahl schmelzen, Schienen und Träger walzen und verkaufen, feierten den, der Schweine, Rinder und Fohlen züchtet und Kartoffeln, Kappes und Erbsen zieht. Schöner und inniger wurde das Verhältnis von Industrie und Landwirtschaft nie versinnbildet.

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    Katalognummer BW-AK-015-3548