Original

13. November 1927

Grade hatte sich unter der Bevölkerung die graufige Kunde von einem brutalen, gemeinen Mordanfall verbreitet, als ich in der Schalterhalle der Post am Schreibpult ein Postmandat auszufüllen stand.

Neben mir schrieb ein junger Mann eine Postkarte. Er hatte energische Gesichtszüge und unterhielt sich in scharfen Aussprüchen mit dem Portier. Natürlich sprach er über den Mordanfall und den damit verbundenen Straßenraub.

„Solche Kerle“, sagte er apodiktisch, „sollte man kurzerhand ohne Prozeß aufknüpfen!“ (Ich erinnere mich nicht genau, ob er sagte „aufknüpfen“ oder „totschießen“ oder „einen Kopf kürzer machen“. Ich glaube eher, er gebrauchte den letztern Ausdruck, der jedenfalls seiner Empörung adäquater war.)

„Ich war“, fuhr er fort, „eine Zeitlang in Deutschland. Dort war es so: In jedem Stadtviertel wohnte ein Polizist. Dieser kannte alle Einwohner, Einheimische und Fremde. Er wußte, wovon sie lebten, und wenn einer keine regelmäßigen Existenzmittel nachweisen konnte, kam er auf den Schub. Man ist hier viel zu gnädig mit dieser Sorte.“

Ich konnte nicht umhin, ihm in der Hauptsache recht zu geben: daß nämlich der Staat da ist, um Leben und Eigentümer der Bürger zu schützen und die zu strafen, die sich dagegen vergehen. Nur die bündige Art des Verfahrens flößte mir einige Bedenken ein. Ohne Prozeß aufknüpfen? Man mag das für richtig halten, im amerikanischen Wildwest soll es noch heute praktiziert werden, aber mein erstes Bedenken ist, bevor man einen aufknüpft, muß man ihn haben. Diese Entdeckung wurde vor mehreren Jahrhunderten in Nürnberg gemacht und hat sich seither allgemein als richtig herausgestellt. Einstweilen haben sie ihn nicht, wir können also vorläufig die Frage in der Schwebe lassen.

Einen Mann ohne Prozeß hinrichten, ist eine heitle Sache. Mit Prozeß ist es freilich oft nicht viel besser. Siehe Affäre Sacco und Vanzetti. Wären diese vor zwei Jahren glatt gelyncht worden, so hätte kein Hahn darnach gekräht. Hie und da hätte einer gesagt: Mordslümmel, diese Amerikaner! Aber es wäre nicht die ganze zivilisierte Welt in Anfregung gehetzt worden. In dieser Hinsicht also könnte mein Pulinachbar sich auf Präzedenzfälle berufen. Indes, wer weiß, es könnte sein, es ist nicht ausgeschlossen, es könnte jedem einmal blühen, daß er mit einem plötzlichen Ausbruch aus den Schranken des Gesetzes unter die Räder der Volksempörung geriete, und daß Leute von der Auffassung des jungen Mannes mit den energischen Gesichtszügen kurzerhand seinen Kopf foderten. Das Beste wird sein, wir hüten uns vor überstürzten Reformvorschlägen.

Eines lehrt der Fall: daß die Fragen die schwersten sind, auf die jeder sofort die einzig richtige Antwort bereit hat. Wie zum Beispiel die Frage der Sicherung von Gut und Leben der Bürger, das heißt, nicht wie diese Frage an und für sich, sondern wie sie jedesmal erscheint, wenn irgendwo gestohlen oder totgeschlagen wurde. Dann erstehen tausend energische Männer, die mit Schwertern in den Händen auf den Gordischen Knoten losrücken, um ihn kurzerhand durchzuhauen.

Betrachten sie sich aber dann die Sache näher, so machen sie die Erfahrung, daß entweder der Knoten zu hart oder ihre Schwerter zu stumpf sind, oder daß jeder den Knoten von einer andern Seite durchhauen will. Und es geht noch gut, wenn sie sich nicht gegenseitig ihre Schwerter wider die Schädel hauen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3558