Das weiße Flockengewimmel war die Sensation der Mittagspause. Morgens hatte die Sonne noch Himmel und Erde vollgeschienen, bis Mittag war im Westen der Aufmarsch der Wolken - in Feldgrau - fertig und so um ein Uhr flogen die ersten Fetzen.
„Haben Sie den ersten Schnee gesehen?“ sagte die reizende Nachbarin. „Da haben Sie wieder etwas, worüber Sie schreiben können.“
Sie hatte recht. Worüber soll man schreiben, wenn nicht über den ersten Schnee?
Freuen oder grämen wir uns über den ersten Schnee? Eigentlich sollten wir uns darüber grämen, wie sich eine schöne, dunkelhaarige Frau über das erste weiße Fädchen an ihrer Schläfe grämt? Oder wollen Sie leugnen, Gnädigste?
Und doch lag sicher kein Gram in dem Ausruf, mit dem wir mittags den ersten Schneefall feststellten Wir reden elegisch vom ewigen Schnee und Eis, von dem weißen Leichentuch, das sich über die Erde breitet, von dem schlimmen Winter, wo die Welt so eng wird. Und rufen erfreut: „Sieh da, der erste Schnee!“
Ich meine, da ist eine gewisse Wurstigkeit, eine burschikose Wenn-schon-denn-schon - Stimmung wirk- sam. Wir wissen, es ist nun mal nicht anders, also rin in die Bude, je eher, desto besser. Auch Erinnerungen werden mit spielen, an Schneeballschlachten, an Schneemänner, an Rodel- und Schlittenpartien, an Weihnachtsabende, an all das Gesellige und Stimmungsvolle, das sich mit dem Schnee machen läßt.
Ganz im Hintergrund der Nachsicht, mit der wir schlimmstenfalls alljährlich der Schneepremière beiwohnen, liegt aber ganz sicher dies Sicherheitsgesühl, daß es für uns einen ersten Schnee nur deshalb gibt, weil ihm über kurz oder lang auch ein letzter Schnee folgen wird. An und für sich sollten wir uns nicht über den ersten, sondern über den letzten Schnee freuen. Aber wir wissen ja nie, welches der letzte Schnee ist. Einmal fällt er an Fastnacht, einmal an Ostern, einmal an Pfingsten. Es ist, wie wenn der Herr Pastor predigt. Man weiß, wann er angefangen hat, aber man weiß nie, wann er aufhört.
Über diese Ungewißheit des einen Endes in der Zeit ließe sich lange reden. So viele Wege müssen wir gehen, von denen wir den Anfang kennen und deren Ende sich im Nebel verliert. Haben sie überhaupt ein Ende, werden sie in Klarheit, Sonne und Frühling münden, oder in Nacht und Abgrund? Und wann?
Wir haben den ersten Schnee fallen sehen. Hinter den Fensterscheiben war die Luft mit den Flocken weiß punktiert, es zog vorbei wie ein wehender Tüllvorhang mit weißen Tüpfchen. Es war am Donnerstag, 10. November, 1 Uhr nachmittags.
Wann wird in diesem Winter - oder nächsten Frühjahr? - der letzte Schnee fallen? Auf welche Grabhügel, die sich heute noch nicht wölben, auf welche Hoffnungen, die inzwischen verwelkt, auf welche Blüten, die trotz Wintersrost aufgegangen sein werden?