Wir kamen uns wahrhaftig vor, wie zwei Käfer, die im Dunkeln zwischen die Näder einer Maschine gefallen wären.
Es war kurz nach Dunkelwerden, weit vor den Toren der Stadt, auf einer stark befahrenen Landstraße. Die Stunde, wo alle vernünftigen Leute heimzufahren pflegen. Die Frühnacht war dunkelgrau. Es hatte ein klein wenig im Wind geschneit, und der Schnee, der auf dem geteerten Fahrdamm schon geschmolzen war und die schwarze Decke der Chaussee glatt gefirnißt hatte, lag im Gras der Straßenränder noch als lockere weiße Puderung, die unter den Sohlen knirschte.
Rings die Höhen, bewaldet oder kahl, standen dunkler gegen das dunkle Firmament. In der nächtlichen Stille war ein dumpfes Brauen von Geräusch, das von der Stadt her wie von einem fernen, brodelnden Riesenkessel kam. Aber die Stille und die Nacht waren nur der Hintergrund, von dem sich die Aufregungen dieser Wanderung abhoben.
Wir waren kaum von der gastlichen Schwelle des einsamen Hauses an der Landstraße ins Dunkel herausgetreten, als die Baumstämme zu beiden Seiten der Straße in sanftem Auf und Ab zu leuchten begannen, als ob sie den langsamen Schlag großer, flammender Flügel spiegelten.
„Obacht, ein Auto!“ warnte Peter.
„Obacht du selber!“ sagte ich, froh ihm seine Warnung von hinten sofort von vorne zurückgeben zu können. Denn auf uns zu kam die apokalyptische Erscheinung: die lichtspritzenden Meteorzwillinge eines Luxuswagens, eine wahnsinnige Doppelexplosion, die mitten im Paroxysmus ihres Lichtausbruches erstarrt erschien. Das kam auf uns zu, scheinbar langsam, unabweisbar, drohend, selbstverständlich. Und dann dröhnten die beiden Visionen an uns vorbei, und hinter jeder, dicht auf, fegte ein Zyklon, kurz, heftig, ungestüm, grob, als heulte er: „Fort, aus dem Weg, ich muß ihm nach, er soll es büßen!“
Das wiederholte sich alle paar Minuten. Bald von hinten der leuchtende Flügelschlag an den Bäumen, bald von vorn, hinter einem Straßenbuckel herauf, der beschleunigte Doppelfonnenaufgang, die weiße künstliche Morgeuröte im dünnen Nebel und dann das Auftauchen des blendenden Zwillingsgestirnes.
Das sorglose Behagen der Landstraße war zerhackt, keinen Gedanken konnte man im ruhigen Plandern ausführen, so scheuchte einen der saufende Verkehr schon wieder aus der Bahn. Und rings der Horizont war voll dieser schwärenden Lichtphänomene, aus einem Niesenheiligenschein entwickelte sich immer wieder ein blendender Kern. So überwältigend hatten wir es zu Fuß nie erlebt. Im Wagen treibt man an seiner Stelle immer mit und sieht nur das Nächste, als Fußgänger ist man in einem Zentrum, um das der ganze tolle Reigen im Kreise tanzt. Wie gesagt, zwei Käfer, die in eine Maschine gefallen sind.
Einmal kam von vorne seitwärts quer auf unsere Straße zu ein Wagen geglitten. Seine Lichter schoben einen hellen, silberfarbenen Teppichläufer auf dem Weg vor ihm her. Ein paar Hundert Meter vor uns würde er die Straße kreuzen, kalkulierten wir. Dann sahen wir nichts mehr von ihm. Bis wir an die Kreuzung kamen. Da lag ein großer schwarzer Klumpen im Graben, wir sahen Gestalten und hörten aufgeregte Stimmen:
„Tausendmal oder nicht einmal habe ich ihm gesagt: Fahre langsam! Aber nein, da muß gerannt werden. Jetzt haben wir die Bescherung!“
Der junge Chauffeur verlor die Nerven nicht. Er rollte, ohne ein Wort zu sagen, planmäßig Faß um Faß aus dem umgestürzten Wagen, und als der Wagen leer war, sagte er ruhig: „Pack einer an, daß wir den Wagen aufrichten.“
Und siehe da, zwei Mann lüsteten das Gefährt wieder auf die vier Räder. Aber diese staken so tief im Graben und Ackerschlamm, daß es ausfichtslos war, sie vom Motor herausziehen zu lassen.
„Wir gehen ins nächste Dorf und holen Ihnen einen Mann mit einem Pferd,“ redeten wir dem Besitzer zu.
„Tausendmal habe ich dem Jungen gesagt: Fahr langsam! ...“
„Ech si geschöppt,“ stellte der Junge sachlich fest.
Der Prinzipal war nicht dazu zu bringen, daß er auf unsere Vorschläge zu Rettungsmaßregeln einging. Er kam nicht davon los, daß er dem Jungen tausendmal gesagt hatte, er solle langsam fahren. So überwältigend war in ihm das Bedürfnis, für sein Malheur einen Schuldigen zu haben.
Wir stellten uns schließlich mit ausgebreiteten Armen einem Lastauto in den Weg, appellierten an das Solidaritätsgefühl des Chauffeurs und bewogen ihn, die Kamionette aus dem Graben zu ziehen.
Ich vergaß, mir seine Nummer zu merken. Er hätte eine öffentliche Belobigung für seine Hilfsbereitschaft verdient.
Hoffentlich hat ihn sein Herr nicht zu arg geschimpft, weil er mit Verspätung heimkam.