Original

13. Januar 1928

„Der Mensch ist ein Gesellschaftstier,“ behauptet die Weisheit der Völker.

Nicht immer. Ursprünglich sogar ganz und gar nicht. Ursprünglich ist der Mensch ein Eingänger. Der Herdeninstinkt kommt später. Und wenn sich seine Nachteile bemerkbar machen, zieht sich der Mensch wieder auf sich selbst und seine Gefährtin zurück. Denn wenn von Einsamkeit in obigem Sinne die Rede geht, ist immer die Zweisamkeit gemeint, bei der zwei nur eins sind. Aber dann beginnt der Cireulus vieiosus. Ich glaube von Julian Weiß ist das Verschen, das diese Wahrheit so hübscht ausdrückt: Wer sich der Einsamkeit ergibt, - Ach, der ist bald allein. - Doch wem die Zweisamkeit beliebt, - Der ist gar bald zu drei’n.

Im Anfang also wohnte der Mensch für sich allein. Bis ihn der Genius der Gattung aufs Eis lockte. Da baute er die bekannte kleinste Hütte, in der Raum ist für ein glücklich liebend Paar, aber nicht außerdem auch noch für zwölf bis siebzehn Kinder.

Die Kulturhistoriker werden Ihnen sagen, wie es kam, daß sich die Hütten zu Dörfern zusammenschlossen, die Dörfer zu Städten ausdehnten. In denen der Mensch dann die Nase von seinesgleichen so voll bekam, daß er wieder nach Zehlendorf und dem Grunewald wohnen ging.

Wer es dazu hatte, kaufte oder mietete sich eine Villa. Man will doch bei sich zuhause sein, nicht. wahr, will nicht durch Geräusche gestört werden, die man nicht selber gemacht, nicht in einer Feuersbrunst verbrennen, die man nicht selber angelegt hat. Unabsichtlich natürlich, in allen Ehren. Man will nicht über sich einen Nachbarn wohnen haben, der jede Nacht um zwei Uhr heimkommt und beim Auskleiden die Schuhe einen nach dem andern hoch im Bogen durch die Luft wirst. Noch unter sich eine Klavierlehrerin, die Fingerübungen macht, wenn man grade sein Mittagsnickerchen halten will.

Aber der Circulus viciosus geht weiter. Er ist schon so weit, daß Leute, die ihre Villa müde sind, sich eine Etagenwohnung nicht nur mieten, sondern kaufen. Jawohl, Gnädigste, kaufen. Das gibt es. Und Sie wissen, warum. Weil die Dienstboten aussterben. Weil es unmöglich ist, soviel Hauspersonal zu finden, wie man braucht, um eine auf drei bis vier Stockwerke verteilte Wohnung in Betrieb zu halten.

Darum kann man jetzt in allen Großstädten Etagenwohnungen kaufen. Es sind nicht Sparsamkeitsrücksichten, die ausschlaggebend waren. Denn solche Etagenwohnung kostet unter Umständen so viel, wie eine Villa. In der Fisth Avenue in New York, wo die Milliardäre wohnen, hat sich ein Dr. Priston Setterwhite einen „flat“ gekauft, der zwanzig Zimmer begreist und 900 000 Dollar oder 3 780 000 Mark, oder zirka 35 Millionen belgische Franken kostet. Das schönste Zimmer in dieser Wohnung ist ein sieben Meter hoher Salon, der mit kostbaren alten Gobelins geschmückt werden soll. Andere Wohnungen in demselben Neubau werden sich nur auf die Kleinigkeit von 130 000-140 000 Dollar stellen.

Dr. Priston Setterwhite ist also über das rückstäudige Gefühl erhaben, daß man in seinem trauten Heim nicht von Geräuschen fremden Ursprungs umgeben sein darf. Er verbrennt hinter sich seine Schiffe und mietet nicht, sondern kaust seine Wohnung. Er wird nicht sagen können: Dies ist mein Haus! Wohl aber: Dies ist meine Fensterreihe. Er hat nicht ein Grundstück, aber ein Immöbel.

Man muß sich erst an die Vorstellung der einzeln käuflichen Stockwerke gewöhnen. Die erste Frage, die sich meldet, ist die nach den Eigentumsverhältnissen im Treppenhaus, das gemeinsam benutzt wird. Oder führt zu jeder Wohnung eine eigene Treppe? Daß eine Lösung gefunden wurde, ist selbstverständlich. Aber wie gesagt, man muß sich erst an den Gedanlen gewöhnen. Ein folches Haus erscheint einem auf den ersten Vlick wie eine Frau mit so viel Männern, wie das Haus Stockwerke hat. Diese Vielmännerei im Wohnungswesen räumt mit einem alten Vorurteil auf. Wenn hundert Hausbesitzer gemeinsam eine Straße, wenn eine ganze Stadt gemeinsam Wasser- und Gasleitung und Elektrizität und Kanalisation benutzen, warum sollen zehn Haushaltungen nicht ein Treppenhaus gemeinsam benutzen?

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    Katalognummer BW-AK-016-3609