Sie lasen gestern morgen, was unser Kollege Robert Thill über eine Probe des „Luxemburger Film“ geschrieben hat.
Was ein Film ist, wissen wir. Was Luxemburg und Luxemburger ist, wissen wir zur Not auch.
Die Schwierigkeiten beginnen, wenn wir dem luxemburger Film gegenüber stehen.
Das kann sein „ein“ luxemburger Film und kann sein „der“ luxemburger Film. Also ein Film, der von Luxemburg in Luxemburg oder von Pfeudo-Luxemburgern über Luxemburg gedreht wird. Oder der luxemburger Film, das heißt ein Unternehmen, das auf unserm Boden, mit hiesigen und auswärtigen Kräften, hiesigem und fremdem Kapital, sich mit der Herstellung von Filmen überhaupt abgeben will. Also aus Luxemburg ein kleines Hollywood machen.
Der Außenstehende macht sich bis jetzt kein ganz klares Bild. Es kann das eine oder das andere oder es kann beides beabsichtigt sein. Sogar ein Drittes tritt in Erscheinung: der „Luxemburger Film“ als Kino-Fachblatt schlechthin, ohne den gefährlichen Anhang der Produktion.
Seit Wochen hat die erste Idee des luxemburger Film als die „eines“ luxemburger Film Gestalt gewonnen. Was man darüber erfährt, läßt darauf schließen, daß im Mittelpunkt der Handlung der „Stuff“ steht, das Kokaïn, mit allem, was sich daraus an moralischen Fingerzeigen gewinnen läßt.
Man war erstaunt. Man hatte sich unter einem luxemburger Film etwas ganz anderes vorgestellt, zumal Herr Nikolas Molling aus Weiler zum Turm an der Spitze des Unternehmens steht. Ich sage „aus Weiler zum Turm“, weil damit sein Luxemburgertum armdick unterstrichen wird. An der Mosel ist überall ein wenig deutsche Einsickerung zu spüren, im Ösling zittert noch belgischer Wellenschlag herein, das Escher Bassin schwingt ein wenig unter dem Einfluß der französischen Grenze. Aber in Weiler zum Turm sitzen sie mitten im Kern luxemburgischen Wesens drin. Nikolas Molling war in seinen Schriften bisher immer luxemburger Vollblut. Wie kommt er dazu, einem Filmwerk als Vorspann zu dienen, das mit uns so wenig Berührungspunkte hat, wie Kaviar mit durchwachsenem Speck oder Absinthe mit altem Quetsch? Gewiß, es mag im Bahnhofviertel von Luxemburg Kokaïn gehandelt und geschnupft werden, aber das ist für uns kein Charakteristikum. Die Kokaïnomante ist keine Nationalleidenschaft, sie ist eine Begleiterscheinung des nervenzermürbenden und genußgierigen. Großstadtmilieus. Für uns ist sie vorläufig nur etwas Zufälliges.
Also was verspricht man sich von einem luxemburger Film, der diesen Outsider als Helden hat?
Man könnte einen luxemburger Film, einen wirklichen, in heimatschaftlichen Landschaften und mit Dilettanten drehen. Man könnte irgendeine geschichtliche Episode verfilmen, ein Heldendrama Johann der Blinde, die abentenerliche Historie des 1830er Putsches, den der Baron de Tornaco mit seinen „Brigangen“ angezettelt hatte, die Geschichte der luxemburger Eisenindustrie mit der abenteuerlichen Entdeckung der luxemburger und lothringer Eisensteinlager, nach dem Werk von Ingenieur Wagner. Da wären Nahmen für großes historisches Tralala, für wundervolle kulturhistorische Realisationen. Oder warum nicht dies oder jenes luxemburger Bühnenstück auf die Leinwand umdichten? Stellen Sie sich die „Mumm Se’ß“ von Dicks vor mit allem Drum und Drau, was auf der Bühne technisch unmöglich ist, mit der Vorgeschichte der jungen Clausener Wäscherin und des Gottlieb Hurrah, der sich eines Sonntags im Bock toischießt - eine Szene voll des köstlichsten Gruselns mit ganzen Wellen von Gänsehäuten -, mit dem nächtlichen Spuk, den der Hexenthommes in Stall und Küche und Kammer der Mumm Se’ß treibt, mit der Brunnenszene, wo Peter den Nebenbuhler knapp vorm Ertrinken rettet u. s. w. u. s. w.
Sie werden sagen, das sei schön und gut, aber damit sei auf dem internationalen Markt nichts anzufangen. Das braucht erstens nur bedingt wahr zu sein, und zweitens werden wir draußen mit einem Antikokaïnfilm, der Künstlerleistungen voraussetzt, auch keine Lorbeeren pflücken.
Ein Landsmann von uns, Nic. Liez, nimmt in Paris im Filmwesen eine prominente Stellung ein. Ich gebe Nik. Molling den Rat, sich an ihn zu wenden, er wird ihm sehr wertvolle Aufschlüsse und Fingerzeige geben können.
Wenn der „Luxemburger Film“ den richtigen Weg gefunden hat, hat er Zukunft. Wird er ihn finden?