Wenn die Gründer des „Luxemburger Film“ um pittoreske Geschehnisse aus unserer Geschichte verlegen wären, könnte ich ihnen mehrere empfehlen, von denen auf einem Flugblatt aus dem Jahr 1820 berichtet wird. Es sind Schinderhannessiaden, wie sie in jener chaotischen Zeit an der Tages- und Nachtordnung waren. Das Blatt stammt aus der Sammlung des Herrn Emil Diderrich von Bad Mondorf und ist auch als Ersatz für die fehlende Sensationsrubrik in den Zeitungen von damals merkwürdig.
Das Flugblatt ist französisch und führt den Moritaten-Titel: «Détail exact d’un évènement malheureux.»
Dies unglückliche Ereignis kam vor am 2. Dezember 1820, auf der Straße von Longwy nach Luxemburg. Sein berüchtigter Held war ein gewisser Jean Shogard, genannt Petrus, vierzig Jahre alt, Ränberhauptmann, geboren in Württemberg, der seit mehreren Jahren abscheuliche Verbrechen verübt hatte. Er hatte sich an die Spitze einer Bande von 16-17 Räubern gestellt und überfiel die Post- und Reisewagen. Ein unglücklicher Geschäftsreisender fiel ihm unter die Hände und mußte 600 „rixdaler“ dabei lassen. Das Signalement Shogard’s war bekannt und er wurde bald samt seinen Kumpanen festgenommen und nach Trier abgeführt. Aber es gelang ihm leicht, zu entspringen. Auf seinen Streifzügen durch das Luxemburgische traf er mehrere Spießgesellen, deren Hauptmann er wurde. Es waren Deserteure des preußischen Regiments 23, das von Sedan und Charleville kam und sein Depot in Luxemburg hatte. Dieser Halunke Shogard kam durch einen Büchsenschuß von einem Gendarmen ums Leben.
Auf demselben Blatt werden Schauergeschichten von andern Briganten aus der Gegend von Arlon erzählt. Möglicherweise handelt es sich auch dabei um die Bande Shogard. Eines Tages erschienen ihrer zwölf bis fünfzehn bei einem der wohlhabendsten Gutsbesitzer in der Nähe von Arlou, zwischen neun und zehn Uhr abends, und baten auf deutsch um ein Nachtlager. Als sie aufgefordert wurden, französisch zu sprechen, sagte einer: Laßt uns in Eurer Scheune schlafen, wir sind weit gegangen und müde. Ein Knecht erkannte unter ihnen ein paar verdächtige Indipiduen, die er in den Straßen Arlons hatte betteln sehen, und schickte sie weiter unter dem Vorwand, es sei kein Stroh in der Schenne. Kurz nachher kamen zwei von ihnen wieder und zeigten einen Zettel vor, den ihnen angeblich der Bürgermeister ausgestellt hatte, den sie aber selbst geschrieben hatten. Sie ließen sich nicht mehr abweisen, setzten sich in die Stube, sluchten auf dentsch und erklärten, sie könnten vor Müdigkeit nicht mehr weiter. Man behielt sie schließlich, aber die Hausleute waren auf ihrer Hut. Gegen halb zwölf nachts kamen die andern Landstreicher zurück und richteten ein Blutbad an, bei dem alle Hausbewohner gemordet wurden, mit Ausnahme eines Kindes, das im Hemd um Hilfe schreiend ins Dorf gelaufen war, und eines Knechtes. Ein junges Mädchen war von mehreren der Näuber vergewaltigt und dann erdolcht worden. Eine Geldkasse, mit Gold und Silber gefüllt, nahmen die Verbrecher mit. Auf die Hilfernse des Kindes und das Läuten der Sturmglocke waren die Dorfbewohner mit Gabeln und Knüppeln herbeigeeilt. Sechs der Räuber wurden von ihnen buchstäblich zerrissen, die übrigen entkamen. Der wutschnaubende Hofhund stand auf einem der toten Ränber und riß ihm die Eingeweide aus dem Leib. Bürgermeister und Gendarmerie waren die ganze Nacht auf den Beinen und verfolgten die Übeltäter kreuz und quer. Sie wurden endlich in der Nähe von Luxemburg, in einem Wald neben der Straße festgenommen, wo sie im Begriff waren, das Gold und Silber unter sich zu teilen. Gefesselt wurden sie nach Luxemburg gebracht, wo mehrere ihrer Vorgesetzten sie erkannten. Sieben davon wurden vor dem Trierer Tor, unter dem Bastion erschossen.
Und dann folgt die übliche „Complainte“ über das Thema: Reuegedanken eines unglücklichen Vaters, der seine Kinder zum Verbrechen erzogen, und Vorwürfe der Kinder gegen den Vater, bevor sie aufs Schafott steigen.
Wir studieren Geschichte, um zu sehen, wie es die Alten gemacht haben, wie wir es nach ihnen besser machen sollen und ob wir es wirklich besser machen.
In den Greueln des Nachkriegs war die nachnapoleonische Zeit stärker, als wir, wie Figura zeigt, aber im Krieg und seinen Grausamkeiten sind wir ihr weit über.