Original

17. Januar 1928

Wer hatte sich am meisten Glück zu wünschen? Alphonse Daudet zu seinem Verkündiger René Benjamin, oder René Benjamin zu seinem Helden Daudet?

Alphonse Daudet, natürlich. Er liegt seit dreißig Jahren im Grab und kann sich nicht wehren, wenn ihn so ein lederner Geselle, der sich die Literatur angewöhnt hat, ausgraben und mit ihm in die Provinz reisen will als einem Vorwand, sünfhundert Franken Honorar zu beziehen und in der Lokalpresse über die Puppen gelobt zu werden. Da ist es also für den toten Daudet eine Lebensfrage, daß er einem Beschwörer, wie René Benjamin, in die Hände fällt, der aus seinen halb versunkenen Werken wieder blühendes, strahlendes Dasein macht.

Freilich, auch Nené Benjamin darf sich zu einem Süjet beglückwünschen, an dem er so viel Geist von seinem Geist und Herz von, seinem Herzen findet.

So triebhaft, so spontan, wie Daudet schrieb, so redete über ihn René Benjamin. Das schmale Gesicht spitzt sich nach unten zu, wie ein Keil, ein seiner Keil auch auf den gröbsten Klotz. Darin steht alles dickköpfig deutlich, klar, selbstbewußt an seinem Platz. Die Stimme ist elastisch wie Stahl und hell wie Seide. In den Augen ist das, was René Benjamin an Daudet rühmte: Lumière, vérité, bonté! Nur in bezug auf Nummer drei kann er, merkt man, auch anders. Doch selbst hinter seinem Zorn wird Heiterkeit kichern.

Dieser Vortragende schwingt vor ansteckender Vitalität. Wo andere ganze Karren Brennmaterial auffahren, da flammt er lichterloh. Er redet von Dingen, die er weiß, die sein Fleisch und Blut sind, aber er hat von ihnen so viel Abstand, daß sie nicht mehr ihn, sondern daß er sie beherrscht. Der Nabelstrang zwischen ihm und den Büchern ist abgeschnitten und sein Wissen ist Leben geworden. Er redet von Dingen, die er weiß, und macht uns einen Augenblick den ungineeischen Zustand vergessen, in dem wir leben, wo Leute über Lyrik schreiben, die vielleicht sehr gute Gemischtwarenhandter geworden wären, oder geborene Küster über Dramatik. „La littérature est pleine de gens qui ne savent au juste que dire mais qui sont torts de leur besoiu d’écrire. (Paul Valéry.)

Reue Benjamin ist vielleicht das, was Alphonse Dandet in demselben Milien und in derselben Zeit, der härteren und unnachsichtigeren Zeit geworden wäre. Blut-Trausfusion ist nur möglich zwischen Individuen, die durch eine bestimmte Affinität einander verwandt sind. Dieser BlutTransfusion wohnten wir am Sonntag nachmittag bei. Es war, als habe der Lebende den Toten aus Herz genommen, als habe er von seinem warmen Herzblut in dessen Adern überstromen lassen, bis der Tote wieder lebendig wurde.

Was Alphonse Daudet auszeichnete, war das Müssen. Es gibt das Müssen und es gibt das Können. Die Nurmüsser werden arme Stümper und Narren, aber man kann sie lieben. Die Nurtonner sind die trocknen Gesellen und Streber, in deren Händen alte Blumen vertrocknen. Das Mussen und Können zusammen macht den Künstler, fur den schon lange das Wort „von Gottes Gnaden“ geprägt war. Das ist Alphonse Daudet und das ist - seit Sonntag wissen wir es sicher - auch René Benjamin.

Er sagte, seinem Empfinden nach habe Daudet bewußt oder unvewußt für die Frauen geschrieben. Gewiß. Als Mann für die Frauen. Darum wurde er so leidenschastlich von Männern gelesen, denen memand Welberart zugetraut hätte. Von dem alten König-Großherzog Wilhelm erzählten die Leute seiner Umgebung aus Colmar-Berg, er habe stets einen Band Daudet auf seinem tisch liegen gehabt. Andere schreiben aus Weibermentalität heraus für Männer und ersahren mit Recht das Schicksal Klopstocks.

René Benjamin sagte, von Daudet’s Werken strahlen die „Artésienne“ und die Erzählungen heute noch die stärkste Lebenskrast aus. Vielleicht. Aber die Jugend auch von heute, die sich an das Weib verliert, wird „Cappyo“ wie ihre eigene Passionsgeschichte lesen. Nur, daß vielleicht das Alter der Söhne, denen der Roman gewidmet ist - à mes fils quand ils auront vingt ans - heute um einige Jahre herabgesetzt werden könnte.

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    Katalognummer BW-AK-016-3612