Erschien täglich von 1913 – 1940 in der Luxemburger Zeitung
Unter den diversen Gattungen, in denen sich Batty Webers Werk äußert, sticht seine Feuilletonserie Abreißkalender als sein Opus Magnum heraus. Auch Cornel Meder sieht den Abreißkalender als Webers Hauptwerk, eines das sich interessanterweise in Form täglich erscheinender kleiner Texte wie ein Leitfaden durch Webers Lebenswerk und die Luxemburger Geschichte zieht. Wie Meder treffend bemerkt, ist Weber „alles andere als ein Nur-Causeur“, denn „ihn interessierte der Durchschnitt, das Üblich-Gängige“ als Gegenstand. (Meder 1990, 7)
In diesem Vorhaben initiiert und praktiziert Weber informelle Zeit- und Alltagsgeschichtsschreibung, da er gegenwärtige, verschwindende und verschwundene Gewohnheiten, Erfahrungen und Ansichten, die die Luxemburger Gesellschaft betreffen, thematisiert, verschriftlicht und publiziert.
Die Wahl des Mediums ist in diesen bedingt zusammenhängenden Fortsetzungstexten von großer Bedeutung. Durch die Sichtbarkeit, Erschwinglichkeit und Verfügbarkeit der Zeitung gelang es Weber mit seinem Feuilleton, eine weit größere Anzahl von Lesern zu erreichen, als es mit Büchern über Volkskunde oder fremde Kulturen möglich gewesen wäre.
Im Luxemburg der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Feuilleton eine beliebte und einflussreiche Textform. Unter den recht zahlreichen Feuilletonisten dieser Periode war Batty Weber mit seinen über 7000 Abreißkalender-Texten in der Luxemburger Zeitung, der laut ihm „ältesten liberalen Zeitung des Landes”, die einen „Hort der Gedanken-, Meinungs- und Glaubensfreiheit“ (26.10.1926) darstellte, über fast 30 Jahre lang der produktivste.
Aber allein im Escher Tageblatt finden sich mehrere, oft gleichzeitig erscheinende Feuilletonreihen wie »Im Rahmen des Alltags« (anonym, 1918-1919), »Brief an die Escher« (Der Alte von der Eisenkaul, 1913-1914), »Am Rande« (Emil Marx alias R.P., 1932-1934), die von verschiedenen Verfassern gestaltete Rubrik »Kleines Feuilleton«, Frantz Cléments »Montagsglossen« (1913-1915) und »Splitter« (unter dem Pseudonym Ping-Pang, 1920-1924) sowie »Nicolas Ries’ Feuilleton« (1920-1939), das er mit Philinte unterzeichnete.
Dies sind nur einige Beispiele der lebhaften Feuilletonkultur innerhalb des Escher Tageblatts vor 1940. Die Feuilletons von Léon Thyes als
Jean-Marie Durand (1930 1935, Luxemburger Zeitung), Marcel Noppeney (Luxemburger Zeitung),
Evy Friedrich (Landwirt), Jean-Baptiste Esch (Luxemburger Wort),
Nikolaus Welter unter dem Pseudonym Ry (Luxemburger Wort) und Alex Weicker (Luxemburger Volkszeitung) sind weitere Erscheinungen dieser Gattung.
Viele Feuilletonisten veröffentlichten ihre Texte einige Jahre lang mit einer gewissen Regelmäßigkeit in einer bestimmten Zeitung, manchmal aber auch vereinzelt in diversen Organen. Diese Feuilletonisten publizierten aber nicht in gleichgültigem Nebeneinander, sondern reagierten in ihren Texten auf die ihrer Zeitgenossen.
Die Polemik, die Batty Weber und Nik Welter zwischen 1922 und 1923 in Luxemburger Zeitung und Luxemburger Wort austrugen, ist ein Beispiel eines hitzigen feuilletonistischen Dialogs.
Webers Bindung an die Luxemburger Zeitung sowie die Langlebigkeit und Beliebtheit seines Feuilletons, sind also eine eher seltene Erscheinung in der Luxemburger Pressegeschichte.
Mehr zu Batty Weber als Feuilltonist und Schriftsteller:
Batty Weber: Werk und Wirkung, Hg. von Anne-Marie Millim
(Mersch: CNL, 2017)