Original

19. Oktober 1919

Sieben oder acht Abgeordnete ziehen nicht mehr mit in den Wahlkampf.

Unter ihnen ist Herr Hemmer wohl der Einzige, der fest entschlossen ist, nie wieder vor die Wähler hinzutreten. Die Andern sagen sich vielleicht, daß sie ihre Stunde abwarten wollen, er, wie man ihn kennt, macht einen glatten Strich unter seine parlamentarische Laufbahn. Er war auch in der Politik immer für klare und saubere Buchführung.

Charles Hemmer war in der Politik der Mann der goldnen Mitte. Manchmal segneten wir ihn, manchmal fluchten wir ihm, wenn sein Weg von unserm abwich. Wir werden uns wohl nie darüber einigen, wessen Weg krumm und wessen Weg grade war in dem Augenblick, wo die beiden auseinandergingen. Eins ist sicher: Bewußt ist Charles Hemmer nie krumme Wege gegangen.

Er war auch immer der Mann der Ordnung. Das Ordnungsmonopol, das die Rechtspartei heute für sich in Anspruch nimmt, enthält ein gut Teil von dem politischen Lebensprogramm Hemmers und vieler Alten, die mit ihm auf derselben Bank saßen. Es wäre verlockend, die Geschichte jener Zeit zu schreiben, in der die Linke ihren Gegnern die Losung überließ, die hierzuland auf die Dauer die zugkräftigste bleiben wird.

Es mag sein, daß die bolschewistische Welle auch einmal über uns hinweggeht und daß wir die Katerstimmung erleben, in die andre nach der bolschewistischen Hochflut geraten sind. Wenn es sich dann begäbe, daß die Wähler den Alten von Capellen darum angingen, wieder mitzutun, so würde er wahrscheinlich lächelnd den Schnauzbart streichen, die buschigen Augenbrauen hochziehen und sagen: „Kinder, laßt mich lieber draußen. Eines Tages wolltet Ihr wahrscheinlich nicht, weil Ihr meintet, ich verstände Euch nicht, heute will ich nicht, weil ich Euch verstehe Alles verstehen heißt alles verzeihen, und alles verzeihen heißt, sich um nichts mehr kümmern.“

Und er würde seinem Hector pfeifen und die Flinte umhängen und über die Felder wandern, wo er einmal als der junge Herr Scharel herumstreifte, als es noch viel mehr Hasen und Hühner, und viel weniger Wilderer gab, als heute, und wo der gewöhnlichste Bragunnier ein braverer Kerl war, als heute mancher Jäger.

Zur Zeit, wo die aufregendsten Stürme in unserer inneren Politik noch aus den Gründerjahren und der Zeit der de Blochausen’schen Abenteurerstreiche herwehten, war Charles Hemmer noch so jung, daß er eine Reibe von Jahren hindurch mit seinem engeren Landsmann Theodor Risch das Sekretärsamt bekleidete, das gewöhnlich den Jüngsten vorbehalten wird. Später wurde er Präsident und hatte wiederholt Gelegenheit zu zeigen, daß den Anrempelungen aus dem gegnerischen Lager seine Schlagfertigkeit noch vollauf gewachsen war.

Im Laufe der letzten Session hat er in schicksalsund folgenschweren Tagen ein paar Reden gehalten, deren lapidere Sätze wie Hammerschläge wirkten.

Und dann hatte er einen schönen Abgang. An dem dentwürdigen 13. August, wo am Kammergebäude die Scheiben entzwei gingen, nicht von den Steinen, die die Menge hineinwarf, sondern, wie ein respektloser junger Mann kürzlich gesagt hat, von dem Geld, das die Kammer durch’s Fenster herausgeworsen hatte, und während andre durch die Türe zu den Tribünen herausschlichen und ihr Mandat verleugneten, da schritt der alte Hemmer aufrecht durch das große Tor heraus durch die grollende Menge, die ihn ruhig durchließ, weil sie von ihm wußte, daß er immer aufrichtig und gerecht gewesen war.

Dieser Augenblick war symbolisch für sein Scheiden aus der Politik. Ihm hat sie nie den Charakter verdorben. Darum hat sein Charakter auch nie die Politik verdorben.

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    Katalognummer BW-AK-007-1510