Original

22. Oktober 1919

Dies möchte ich den Kammerkandidaten zum Troste schreiben.

Manche von ihnen, die noch nicht wissen, wie es gemacht wird, fürchten sich vielleicht vor dem Lage, wo sie zuerst im Parlament aufstehen und zu ihrem Volke reden müssen. Denn müssen muß einer heutzutage wenigstens einmal. Selten, wie die Haare auf einer Glatze, sind die Weisen, die bei sich denken: Das sicherste Mittel, keine Dummheit zu sagen, ist, überhaupt nichts zu sagen. Und die es deshalb vorziehen, ausschließlich „in den Sektionen zu arbeiten.“

Also die künftigen Kammerredner mögen sich trösten: Soviele Dummheiten sie auch sagen mögen, es werden schwerlich soviele sein, wie seinerzeit einer der Mächtigsten der Erde, weiland Kaiser Wilhelm II. sich in seinen zahlreichen Reden geleistet hat.

In einem Aufsatz, den K. O. Erdmann im zweiten Maiheft 1911 des „Kunstwart“ veröffentlichte, war vom klaren Denken die Rede und im Zusammenhang damit die Behauptung aufgestellt, „Kaiser Wilhelm bekunde recht oft Gleichgültigkeit gegen das Logische in der Sprache und habe in dieser Hinsicht nicht die ihm von byzantinischer Aufdringlichkeit vorbehaltlos angedichtete Gabe der freien Rede.“ Der Verfasser wurde wegen dieser freimütigen Feststellung später angegriffen und wußte sich nicht besser zu helfen, als durch die Wiedergabe einer Anzahl von Stylblüten aus kaiserlichen Reden, wobei er versichert, „daß sich mit Leichtigkeit hundert ebenso und noch mehr charakteristische Stellen anführen ließen.“ (Hier beschleicht mich ein Zweifel an der sprachlogischen Einwandfreiheit des Erdmann’schen Satzes. Will er sagen: „hundert und noch mehr ebenso charakteristische Stellen“, oder „hundert ebenso charakteristische und noch charakteristischere Stellen“? In einem Fall ist ein Wort verstellt, im andern ein undeutscher Komparativ gebildet. Sehen Sie, Herr Erdmann!)

Statt nun gleich mit den Zitaten aus den Kaiserreden zu beginnen, will ich zuerst ein paar goldene Worte des Generalsuperintendenten von Königsberg hiehersetzen, die Avenarius im Anschluß an die Ausführungen K. H. Erdmanns anführt: „Diesem Mann (dem Kaiser) gegenüber sind wir alle, verzeihen Sie, meine Herrschaften, den etwas harten Ausdruck, Schafsköpfe, so groß ist meine Bewunderung seines Geistes, der alles auffaßt und umfaßt und verarbeitet.“

Der Satz des Hrn. Generalsuperintendenten entbehrt offenbar der Logik. Er sagt: Meine Bewunderung ist so groß, daß wir alle Schafsköpfe sind. Logisch müßte er sagen: Meine Bewunderung ist derart groß, daß ich ein Schafskopf bin.

Nun zu den Zitaten, die dem offiziellen Text der bei Reclam erschienenen Kaiserreden entnommen sind:

„... Wenn ich alle die Generale und Stabsoffiziere sehe, alte und junge, die aus dem Regiment hervorgegangen und hier versammelt sind, oder aber am Erscheinen verhindert waren, so ist das ein Beweis für den Geist, der in diesem Regiment lebt.“

Wenn der Redner eine Anzahl Generale sieht, die da sind, und sogar solche, die am Erscheinen verhindert waren, so ist das höchstens ein Beweis dafür, daß er sehr gute Augen hat.

Anderes Beispiel:

„Ich fand eine Marine vor, deren vortreffliches Material in bezug auf das Offizierkorps nicht das volle Gefühl hatte der absoluten Zugehörigkeit zu der Person des Allerhöchsten Kriegsherrn. Es konnte auch nicht anders sein bei der historischen und bei der militärpolitischen Entwicklung unsrer Wehr- @, die es also mit sich gebracht; und es ist mir, @ ich es heute sehe, in jeder Beziehung geglückt.“ Wenn der Einsiedler von Amerongen „es heute @ht“, kann er wiederum sagen, daß es ihm „in der Beziehung geglückt ist.“

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    Katalognummer BW-AK-007-1512