Original

28. Oktober 1919

Brief eines Regenschirms.

„Sie veröffentlichen Briefe von allerhand Leuten, warum sollen Sie nicht auch einmal den Brief eines Regenschirms veröffentlichen.

Regenschirme, die in Gedanken stehen blieben, sind sprichwörtlich. Ich bin ein Regenschirm, der in Gedanken mitgenommen wurde.

Erlauben Sie zunächst, daß ich mich vorstelle: Ich bin gute Mittelsorte. Damenschirm, natürlich. Nichts von Kostbarkeit an Griff und Stoff, aber Rasse. Schlank und diskret vornehm. Wie eine Gouvernante mit dem Schnoiderkleid de chez le bon faiseur. Typus Jane Eyre, Sie wissen ja. Gebogene Krücke aus grünbraunem Pfefferholz, Linie, Harmonie.

Meine Herrin und ich gehörten zusammen. Ich war „ihr Schirm“. Ich war selig, wenn sie mich in die Hand nahm, und sie sah in mir die glückliche Ergänzung ihres Äußern zu Zeiten, wo eine Dame mit dem Regenschirm ausgeht. Ich begleitete sie auf allen ihren Reisen, wir harten uns so aneinander gewöhnt, daß wir auf du und du standen. Von ihrem Pulsschlag strömte warmes Leben in mich über, und ich war jederzeit bereit, sie nach meinen schwachen Kräften gegen alles zu schützen, was von oben herunter auf sie fallen konnte, einschließlich Bombensplitter. Das heißt also, daß ich nötigenfalls mein Leben für sie hingegeben hätte.

Und nun sind wir getrennt, vielleicht auf ewig. Das Unglück geschah am Sonntag abend in der Trambahn. Meine Herrin hatte zuerst einen Platz dicht an der Türe gewählt, aber als sie merkte, daß es dort zog, siedelte sie über und vergaß mich. Ließ mich stehen und setzte sich auf eine andre Bank. Zum ersten Mal, seit wir zusammen waren, hatte sie mich vergessen! Wir gerne hätte ich ihr zugerufen: Und ich! Aber leider ist uns Regenschirmen die Gabe der Rede versagt. Leider! Welche Dienste könnten wir sonst der Menschheit leisten!

Ich stand nicht lange allein. Zwei andre Damen nahmen Platz auf der Bank, die meine Herrin eben verlassen hatte. Ich kannte sie nicht, es hat auch keinen Zweck, daß ich sie hier beschreibe. Kurzum, an einer Haltestelle im Innern der Stadt stiegen sie aus. Sie hatten in der Eile alles zusammengerafft, was zu ihnen gehörte, und die eine davon hatte in der Zerstreuung auch mich ergriffen. Hätte ich Augen, ich hätte meiner Herrin den Blick eines wunden Rehes zugeworfen. Der Trennungsschmerz zuckte durch alle Falten meiner Seide, durch alle meine Rippen, durch meinen ganzen Körper von der Spitze bis zum Griff. Es half nichts, ich mußte mit. Nicht einen einzigen Blick des Abschieds konnte ich von meiner Herrin auffangen. Ahnungslos saß sie da, während ich, der treue Gefährte ihrer Regentage, ihr entführt wurde.

Das Schlimmste harrte meiner, als die Damen nachhause kamen.

„Was!“ riefen sie, „ein fremder Schirm! Wo kommt der her?“ Und sie behandelten mich, wie eine zugelaufene Katze. Sie konnten ja nicht wissen, was ich wert bin, was ich zumal einer andern wert bin.

Und nun stehe ich in meiner Ecke, ein aus seiner Bahn geschleuderter Stern, und denke Tag und Nacht an den Schmerz, den meine Herrin über meinen Verlust empfindet. Ich weiß, sie ist trostlos. Machen Sie Sich die Tragik dieser Schicksalsfügung klar. Übersetzen Sie den Konflikt ins rein Menschliche und Sie machen daraus den schönsten Film.

Bitte, veröffentlichen Sie diesen Brief eines in Gedanken mitgenommenen Regenschirms, damit wenigstens andere daraus eine heilsame Warnung ziehen.“

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    Katalognummer BW-AK-007-1517