Original

29. Oktober 1919

Sie kennen ihn alle. Ichwerde mich hüten, seinen Namen zu nennen, er wird so schon fuchswild, weil die Geschichte in die Zeitung kommt. Es ist eine seiner besten, und er hat viele guten auf Lager.

Also: Als er noch als eleganter Schlankerl in Paris seiner Ausbildung als Bonvivant und Künstler oblag, geschah es eines Tages, daß ihn sein Onkel Otto - sagen wir meinetwegen Otto - besuchte.

Ein Onkel, der seinen Reffen in Paris besucht und irgendwie Verständnis für die Erfordernisse des dortigen Lebens sowohl wie für die Bedürfnisse der Jugend besitzt, glaubt alles andere lieber, als daß sein Neffe mit den Geldstücken nur so klimpert. Er setzt bei ihm vielmehr eine chronische Abgebranntheit voraus.

Onkel Otto war also nicht wenig verblüfft, als er sah, wie sein Neffe mit den Fünffrankentalern, die in Paris den rätselhaften Namen Tune tragen, gradezu verschwenderisch umging. Und er konnte sich auf die Dauer die Frage nicht verkneifen, wie der junge Mann zu dem vielen Geld komme.

Der Reffe - nein, ich nenne ihn nicht, mein Leben ist mir viel zu lieb - der Reffe also machte sein geheimnisvollstes Gesicht und flüsterte:

„Ich weiß nicht, ob ich es dir sagen darf.“

Das steigerte die Neugter des Onkels ins Krankhafte.

„Nun, mir, deinem Onkel, wirst du es doch verraten dürfen.“

„Jawohl, damit du es daheim gleich in der ganzen Familie herumträgst.“

„Wo denkst du hin! Ich schwöre dir, daß kein Wort davon je über meine Lippen kommt.“

„Ehrenwort?“

„Ehrenwort!“

„Gut, also du sollst es wissen.“ Und er rückte näher an den Onkel heran und versetzte ihm kaltlächelnd:

„Ich gehe in die Morgue.“

„Wieso, du gehst in die Morgue?“

„Na ja, du kennst ja die Morgue?“

„Wo immer die Leichen ausgestellt werden, die sie nicht agnoszieren können?“

„Wie du sagst.“

„Ich verstehe nicht ...“

„Die Morgue ist eine der Sehenswürdigkeiten von Paris. Jeden Tag kommen im Durchschnitt 75 bis 100 Engländer und besonders Engländerinnen zur Besichtigung, und du begreifst, daß die Verwaltung immer für die nötigen Leichen sorgen muß. Nun kommt es manchmal vor, daß ein paar Nächte lang keine Leiche gefunden wurde. In solchen Fällen werden Freiwillige angeworben ....“

„Die sich totschlagen lassen?“

„Bewahre! Die sich an die Stelle der Leichen legen und sich totstellen. Wenn ich grade kein Geld habe, gehe ich also in die Morgue und lege mich hin. Manchmal gehen wir zu zweit. Wenn dann nicht grade Touristen da sind, vertreiben wir uns die Zeit mit plaudern. Natürlich wird zur Bedingung gestellt, daß sie uns kein Eis unterlegen, das wäre nicht einmal im Sommer zum Aushalten. Aber mit Spiritus dürfen sie uns begießen, nur müssen sie aufpassen, daß sie uns mit brennenden Streichhölzern vom Leib bleiben.“

Onkel Otto schüttelte den Kopf.

„Was du nur für Geschichten machst.“

„Ja, lieber Onkel, was tut man nicht ums Geld.“

„Bezahlen sie denn wenigstens ordentlich?“

„Ein Fünffrantstück die Stunde,“ sagte der Reffe und klimperte mit seiner Barschaft in der Westentasche.

„Wenn ich den Ertrunkenen mache, kriege ich sogar zehn Franken.“

„Wie ist denn das?“

„Das ist so.“ Und der Reffe blies beide Backen auf, um das gedunsene Gesicht zu veranschaulichen.

Onkel Otto schüttelte wiederum bedenklich den Kopf.

Es dauerte keine halbe Stunde nach seiner Rückkunft, so trat er die Runde bei der Familie an, um die Geschichte brühwarm zu erzählen. Er konnte nie begreifen, warum alle so unbändig darüber lachten.

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    Katalognummer BW-AK-007-1518