Original

31. Oktober 1919

Sind es die Wahlen, ist es das Allerseelenwetter oder die Kohlenknappheit, das Kriegselend mitten imFrieden - ich bin in Nörglerstimmung. Ich freue mich ingrimmig über jeden Dreck, der sich benörgeln läßt.

Also wieder einmal die Freiheitsavenue. Sie ist eine Fundgrube von Anlässen zur Nörgelei.

Schreit dieser Straßenzug, der schönste, der einzige einigermaßen großstädtische, den wir haben - schreit er nicht nach Asphalt? Der einzige Straßenbelag, der in ein modernes Straßenbild paßt, ist Asphalt. Er gehört dazu, wie Seide und Samt zu einem Ballkleid, das ja auch nie aus Baumwollbiber gemacht ist. Unsere Freiheitsavenue, die große Verkehrsschlagader zwischen Bahnhof und Stadt, haben sie mit dem Baumwollbiber der Straßentoikette, mit gewöhnlichem Bauerndorfchausseebelag entwürdigt. Der Fremde, der diese Avenue entlang nach der Stadt geht, könnte den Eindruck einer saubern, zumteil wenigstens modernen Residenz empfangen. Statt dessen watet er im Schmutz einer Straße, deren Unsauberkeit ihrer pompösen Breite Hohn spricht.

Aber die, die sie so breit angelegt hatten, scheinen sich nachher ihrer Großzügigkeit geschämt zu haben. Datum sind sie flugs hingegangen und haben mitten hindurch die Leitungsmasten der Elektrischen gelegt. Statt einer breiten, aber schmutzigen Straße, haben wir so zwei schmale, noch schmutzigere bekommen.

Die Lorbeeren dieser seltsamen Verkehrskünstler ließen andere nicht schlafen. Diese haben auf der Neuen Brücke im Kleinen den Schwabenstreich wiederholt, indem sie die Gaskandelaber aufs Trottoir stellten, statt auf die Brüstung. Es heißt, ein hochmögender Herr habe damals geltend gemacht, wenn die Gaslaternen auf der Steinbrüstung ständen, so fielen 50 % der Beleuchtung ungenützt in den Abgrund. Er hatte niemals Kandelaber mit seitwärts überhängenden Armen gesehen.

Zu meiner innigen Genugtuung habe ich dieser Tage wieder etwas entdeckt, über das sich ganz wunderbar schimpfen läßt.

Ich ging nämlich über die Neue Brücke nach dem Bahnhof und wollte drüben bei der ersten Haltestelle auf den fülligen Wagen warten. Ich spähte also nach den beiden Ohren aus, die rechts und links von einem Leitungsmast die Haltestelle anzeigen sollen. Vergebens. Ich wußte doch, daß dort, zwanzig Meter weiter, die Wagen immer hielten, aber die bewußten Ohren waren nirgends zu entdecken. Ich ging also aufs gratewohl weiter. Und siehe da, auf einmal stand ich an der Haltestelle, und rechts und links vom Leitungsmast war das erlösende Wort angeschrieben. Nur daß die ovalen Schilder in die Richtung der Straße gedreht waren, statt quer. So kann man sie nämlich nicht sehen, bis man seitlich davor steht.

Vielleicht gehört dies zu den Maßnahmen, die auf die Einschränkung des Trambahnverkehrs gerichtet sind. Jedenfalls ist es ein neues Blatt in dem Ruhmeskranz, den sich die gewunden haben, die an der Freiheitsavenue seit ihrem Bestehen herummachen. Um weitere Beiträge wäre ich dankbar.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-007-1520