Ich will heute ein Dornröschen wecken.
Sie werden finden, daß mein Dornröschen nichts von einer Märchenprinzessin an sich hat. Es hat tausende von Pferdekräften im Leib und es atmet Kohlendampf, aber es hat weiße und grüne Locken von Wassersträhnen und Gischt, und auf der Stirn ein Diadem von Licht.
Es heißt die Saüekkälsperre.
Von den vielen schönen Plänen, die der Krieg zunichte gemacht hat, war dies einer von denen, um die es sicherlich am meisten schade war. Es hat ja inzwischen geheißen, er sei wieder aufgegriffen und er komme bei der Verwirklichung der Überlandzentrale in Betracht. Aber der zuständige Herr Minister hat auf diese Überlandzentrale ein historisches Wort geprägt, das wie ein Grabstein darauf liegt. Ein Grabstein mit dem Sprüchlein, darin von der Hoffnung auf Auferstehung die Rede ist, aber immerhin ein Grabstein. „Die Überlandzentrale“, sagte er, „wird gebaut. Sie wird es nicht heute und auch nicht morgen, aber sie wird gebaut.“
Nicht heute, das heißt, nicht in zehn bis zwanzig Jahren. Nicht morgen, das heißt niemals.
Ich bin aber überzeugt, daß der Glaube nicht nur Berge versetzen, sondern auch Überlandzentralen und Talsperren bauen kann.
Also will ich heute als der Prophet der Sauertalsperre ins Land rufen: Sie muß gebaut werden, also wird sie gebaut.
Ich habe grade heute in der Pariser «Illustration» den wunderbar anschaulichen Aufsatz über die Nutzbarmachung der Rhone-Wasserkräfte gelesen, und da überströmte auf mich die felsenfeste Überzeugung, daß die Sauertalsperre gebaut werden kann und gebaut werden muß. Das nächste Mal, wo ich meinem Freund Louis Klein, dem Vater, jedenfalls Pflegevater des Gedankens, begegnen werde, will ich ihn bei beiden Schultern fassen und ihn so lange rütteln, bis er mir verspricht, sich wieder seinem Projekt vorzuspannen und nicht zu ruhen, bis das Richtfest gefeiert wird.
Damals, einige Jahre vor dem Krieg, hatten sich englische Kapitalisten stark für das Unternehmen interessiert, und wir hatten hier die englische Kapitalbeteiligung befürwortet mit dem Hinweis, daß damit ein Gegengewicht gegen die Überwucherung des Landes mit deutschem Kapital geschaffen würde.
Wie steht es heute damit?
Es war auch der Einwand erhoben worden, der Wasserzufluß der obern Sauer sei für eine Talsperre und ihre Zwecke ungenügend. Es handelt sich aber nicht nur um die Obersauer, sondern es wäre ohne allzu große Kosten eine Talsperre unterhalb Göbelsmühl zu bauen, wo also zur Sauer die Wiltz und Clerf hinzukämen.
Das alles schreibt, verzeihen Sie, ein blutiger Laie. Aber es soll geschrieben sein, damit die Herren Ingenieure wieder davon reden, damit sie sich darum streiten und damit ihre Arbeit den Wind des öffentlichen Interesses in ihre Segel bekommt.
Das Dornröschen soll geweckt werden. Und wenn nachher der Prinz findet, daß ihm die Braut nicht schön und nicht reich genug ist, so mag er sie sitzen lassen. Aber sie soll nicht als alte Junger auf dem Stengel vertrocknen.