Original

7. November 1919

Nun treten wir langsam in den Lichtkreis des Tages, an dem vorm Jahr unser Jubel über das Kriegsende und über unsere Befreiung sich feierlich und amtlich Luft machen durfte.

Grade vor Jahresfrist, auf den Tag, stand in den Zeitungen, fett gedruckt: „Berlin, 6. Nov. (Amtlich.) Die deutsche Delegation zum Abschluß des Waffenstillstandes und zur Aufnahme der Friedensverhandlungen ist heute nachmittag von Berlin nach dem Westen abgereist.“

Dann kamen noch wochenlang die Berichte über die Schlachten im Westen. Die Stelle, der die Absassung der deutschen Heeresberichte oblag, leistete Akrobatenstückchen, um die Meldung eines Rückzugs so aufzumachen, daß sie wie eine Siegesnachricht klang u. das strategische Genie der deutschen Heerführer in das hellste Licht rückte. Das Unheil zog gegen uns herauf, unser Los stand schließlich auf der Spitze nicht des Schwerts, sondern einer Schreibfeder. Wir wußten es nicht bestimmt, aber wir ahnten, daß ein im Rückzug kämpfendes deutsches Heer, wenn es den Weg über unser Ländchen nahm, allen Graus des Krieges auf uns ziehen würde, daß es binnen einer Woche sich darum handelte, ob unsere Städte und Dörfer ganz blieben oder zerschossen und verbrannt würden, wie Verdun, Longwy, Audun le Roman und Etain.

Wir haben später gehört, daß unsere Angst nur zu berechtigt war, daß eine Ablehnung des Waffenstillstandes unser sofortiges Verderben bedeutet hätte. (Es hat, beiläufig, noch niemand bei uns daran gedacht, Herrn Erzberger den Dank des Landes auszusprechen.) Als uns später unsere amerikanischen und französischen Freunde erzählten, daß sie ihre schweren Geschütze schon auf uns gerichtet hatten, um den Deutschen den Rückzug zu versalzen, wurde uns zumut, wie dem Reiter am Bodensee.

Dann kamen die Befreier. Es roch auf einmal in den Straßen und Lokalen nach amerikanischem Tabak, wie es 4½ Jahre vorher nach Leder gerochen hatte. Die Verbrüderung begann, wir lernten in einer Woche amerikanisch und kamen aus dem Zechen mit den Befreiern nicht heraus. Jeder von uns wußte von einem „interessanten“ Amerikaner zu erzählen. Sie waren alle interessant. Sie waren alle Millionäre, Plantagenbesitzer oder Bankiers. Die vorzügliche Havanna, die sie einzeln aus der äußern Brusttasche zogen und einem anboten, war eigenes Wachstum. Sie knitterten für Tausende und Zehntausende Banknoten in die Hosentasche, wie ein schmutziges Taschentuch. Es war eine tolle Zeit. Wir gingen darin freudig unter, weil wir sicher waren: Wenn wir wieder auftauchen, ist der Winter des Krieges mit allem Frost und aller Entbehrung vorbei und der Frühling des Friedens leuchtet über die ganze Welt, und von Gibraltar bis nach Spitzbergen und von Paris um die ganze Erde herum bis wieder nach Paris singt alles: Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!

Prost Kuchen! Wir sind aufgetaucht, aber von den Segnungen des Friedens war nichts zu merken. Manches ist schlimmer, als im Krieg, die Schieber und Kettenhändler sitzen noch immer wie Blutegel auf dem siechen Volkskörper, wir haben keine Kohlen und kein Gas, und der Haß gärt von Klasse zu Klasse und von Volk zu Volk schlimmer denn je.

Ich fürchte, die Erinnerung an die tollen Wochen und Monate des vorigen Winters wird sich zu einem Riesenkater auswachsen.

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    Katalognummer BW-AK-007-1524