Original

8. November 1919

Morgen, Sonntag, jährt es sich, daß wir zum letzten Mal durch Fliegeralarm in die Unterstände gescheucht wurden.

Es war an jenem sonnigen Sonntag, dem 10. November, der der Unterzeichnung des Waffenstillstandes voranging. „Die Erde schüttert unter den Riesenlastwagen, deutschen und österreichischen, dazwischen summen die Propeller der heimfliegenden Aeroplane, und von Westen her grollt noch der Schlachtendonner. Trotzdem heißt es, der Waffenstillstand sei unterschrieben. Die deutschen und österreichischen Soldaten jedenfalls machen ihre zufriedensten Friedensgesichter. Der Druck ist von ihnen genommen, sie wissen, daß sie nicht mehr dem Tod entgegengetrieben werden. Sie dürfen heim. Was dann wird, darüber zerbrechen sie sich nicht den Kopf. Leben!

Eins fällt auf: Man hört keine lauten Stimmen, nicht das Brausen, das sonst von großen Menschenansammlungen ausgeht. Stiller Gafferlust hingegeben stehen die Leute irgendwo im Kreis und mitten drin verkauft ein Soldat irgend etwas. Einer steht auf dem Trittbrett der Personenwage in der Bahnhofhalle und verkauft aus einer Pappschachtel - Originalverpackung - echt belgische Hopjes von De Beukelaer, eine Mark zehn Stück. „Nicht drängeln, Ihr bekommt alle!“ Im Wartesaal dritter Klasse hocken Mannschaften müde, stumpfsinnig um die Tische. Auch hier hat da und dort einer ein. Geschäft aufgemacht Wollene Decken und Patronentaschen und was sonst Liebhaber findet, für Küche und Haus oder für die Kriegsandenken-Sammlung. Draußen sitzen ein paar blutjunge Krieger - der eine ist ganz sicher nicht über siebzehn - bei ihren Siebensachen, streichen sich seelenvergnügt ein Butterbrot und schäkern mit den Midinettes, die sich in die erste Gaffer-Reihe gedrängt haben. Eine Gruppe unbewaffneter Soldaten geht herum und pflückt Achselklappen. Es geht alles ruhig und sozusagen gemütlich von statten. Von der Neuen Brücke her naht ein Lastwagenzug, neues Futter für die Neugierigen. Eine Wagenreihe mit Österreichern, eine mit Deutschen. Der ganze Bahnhof zittert unter der Last der Ungetüme, die benzinstinkend vorbei rasseln. Ein Bekannter, übernächtig, voll von Eindrücken bis in den Hals, erzählt, weiß nicht, wo ansangen. Hat die Nacht durch mit dem Trierer Soldatenrat zusammengesessen, einen Last-Autowagen am andern mit Soldaten und Gepäck durchfahren sehen. Macht geheimnisvolle Gebärden und sagt: Kinder, Kinder!

Auf dem Schobermeßplatz oben plündert die Jugend einen Flugzeugrumpf. Nachts war ein Auto mit dem Flugzeug, an dem die Tragflächen abmontiert waren, auf der Merler Straße an einen Baum gerannt und schließlich hier oben gestrandet. Das Wrack hängt voll Buben, wie Fleisch voll Maden. Zweie haben eine Picke geholt und versuchen damit den Propeller loszuwuchten. Ein Soldat, der zur Bemannung eines lahmliegenden Lastwagenzugs gehört, steht gutmütig lächelnd dabei und gibt sachverständige Ratschläge: „Kinder, paßt abacht, uff emol hat sich eener den Arm abgequetscht!“

An der Arlonerstraße: Wieder Wagen an Wagen, die Soldaten in der Wirtschaft, andere oben auf dem Verdeck. Einer spielt Gitarre und singt dazu, andere erzählen den Gaffern Abenteuer, schließen Käufe ab, vom Trinkbecher aufwärts bis zu einem tadellosen Propeller, den ein Bekannter als Beute heimträgt.

Den ganzen Tag das ungeschlachte Rasseln der Lastautos. Dazwischen Automobile mit höheren und höchsten Offizieren. Deutschen und Österreichern. Sie fahren aneinander vorbei ohne zu grüßen. Am Straßenrand Mauern von Menschen, wie wenn „eine Leiche“ geht.

Um halb drei wird das Idyll durch Sirenen gestört. Um fünf wieder. Maschinengewehrknattern, Panik. Schreiende Menschen klettern über Gartengitter, verlangen Einlaß in Häuser, sind überzeugt, daß die Flieger auf sie gezielt haben. Es stellt sich heraus, daß sich oben ein kleiner Luftkampf entwickelt hatte.“

Das war das letzte Mal. Dann flogen die schnarchenden Riesenvögel friedlich über uns dahin, und dann kamen sie gar und schlugen uns zu Ehren Purzelbäume im den Lüften.

Wenn sie als Feinde wiederkommen, werden die Unterstände von beute keinen Schutz mehr gegen sie gewähren.

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    Katalognummer BW-AK-007-1525