Original

11. November 1919

Es war einmal ein Mann, der setzte sich mit andern an einen Tisch um zu speisen.

Während sie speisten, kamen von der Straße allerhand Leute herein und sagten: „Wenn wir uns nicht mit an den Tisch setzen dürfen, fliegt Ihr heraus. Wir schlagen Euch die Teller und Gläser in Scherben und stechen Euch die Messer und Gabeln in den Wanst!“

Da sagte der Oberste der tafelnden Männer: „Es ist besser, daß die Leute mit bewirtet werden, als daß sie uns alle zum Teufel jagen. Denn Ihr wißt ja, wir dienen einem höheren Zweck, den müssen wir erreichen, koste es was es wolle!“

„Jawohl“, sagten die andern, „koste es was es wolle, wenn nur der höhere Zweck erreicht wird.“

Und sie riefen alle Leute herein, und da es noch nicht genug waren, schickten sie eine Rundfrage durch das Land, ob vielleicht noch einer da sei, der mitessen wolle.

Das Mahl nahm seinen Verlauf. Die Leute aßen, freilich ohne satt zu werden, aber da sie sahen, daß nichts mehr in der Küche war, machten sie weiter keine Geschichten und wischten sich den Mund.

Der Oberste der tafelnden Männer aber sagte zu dem, der neben ihm saß und dem sie das Portemonnaie übergeben hatten:

„Es ist Zeit, daß Sie Sich die Rechnung geben lassen.“

Der Mann mit dem Portemonnaie rief den Oberkellner und sagte: „Bitte zahlen!“

Da brachte der Oberkellner auf einem Teller eine entsetzlich lange Rechnung. Sie war so lang, daß der Mann mit dem Portemonnaie sie kaum bis an’s Ende lesen konnte. Als er am Schluß die Summe sah, fühlte er in der Tasche nach seinem Portemonnaie und ward gewahr, daß es sich sehr dünn anfühlte. Nachdem er einen flüchtigen Blick in die verschiedenen Fächer getan hatte, faltete er die Rechnung zusammen, stand auf, nahm seinen Hut und entfernte sich.

„Wohin gehen Sie?“ fragte der Oberste der tafelnden Männer.

„Ich muß eben mal hinaus“, sagte der Mann mit dem Portemonnaie.

Und er ging durch die Türe nach dem Hof hinaus und alsdann durch den Hausgang in’s Freie.

Als er draußen war, atmete er tief auf und sagte: „Gott sei Dank und Maria sprach! Ich habe das Portemonnaie auf meinen Stuhl gelegt, mag ein anderer die Rechnung bezahlen!“

Die tafelnden Männer aber sagten zum Oberkellner: „Sie entschuldigen, wir haben eben nicht Geld genug, aber es geschah alles für einen höheren Zweck. Wir werden später wiederkommen. Bitte, schreiben Sie es auf.“

Bezahlt haben schließlich die, die nicht mit an der Tafel satzen und die auf den höheren Zweck sehr gern verzichtet hätten.

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    Katalognummer BW-AK-007-1527