Original

12. November 1919

Ein Blatt hatte berichtet, die fünf Minister seien am vorigen Donnerstag zur Trauung der Großherzogin und des Prinzgemahls in der Kathedrale in Uniform erschienen.

Darin sieht das „Lux. Wort“ eine „gehässige Albernheit“, die das Blatt sich in seinem „Fanatikerhaß“ gegen die Großherzogin zurecht gelegt habe.

Man muß daraus schließen, daß das „Lux. Wort“ den Mitgliedern der Regierung nicht erlauben oder jedenfalls stark abraten würde, eine Uniform zu tragen.

Ich lasse die Frage offen, ob bei der Trauung die Minister einen Frackanzug oder eine Uniform trugen. Meine Erkundigungen darüber hatten kein positives Ergebnis. Niemand wußte mir zu sagen, was sie „unten“ anhatten, weil sie darüber einen langen Mantel trugen.

Wenn das keine Uniform ist, so ist es doch ein Symbol.

Inwiefern nun es vom „Wort“ als unzulässig aufgefaßt wird, daß die Minister bei dem genannten Anlaß Uniform getragen hätten, war mir ein Rätsel, dessen Lösung zu suchen ich mir angelegen sein ließ.

Ich schlich mich deshalb zu einem Minister, von dem es heißt, er werde in den nächsten Tagen den Staub des Maximinerhauses von seinen Sohlen und aus seiner Seele schütteln.

„Warum“ - so setzte ich ihm die Frage auf die Brust - „warum trägt die jetzige Regierung keine Uniformen, wie ihre Vorgänger?“

Er sah mich beluftigt und fragend über seine großen Brillengläser an, und ich fuhr fort:

„Sie persönlich hätten dabei doch nur zu gewinnen. Stattliche Figur. Und ein Minister im Ornat in Ihrer Ahnengalerie ...“

„Uzen Sie Ihre Großmutter!“ sagte er. „Glauben Sie, ich hätte Lust, mit einem Lakaien verwechselt zu werden? Die sind noch stattlicher, als wir fünf Oberhämorrhoidarier, und ihre Uniform ist von Samt und Seide. Und dann: Wie kämen wir fünfe zu einer Uniform? Uniform heißt gleichartig, einheitlich: Worin besteht unsre Einheitlichkeit? Darin, daß wir keine haben. Doch, in einem vielleicht sind wir einigaber das darf niemand wissen.

Früher, ja, da konnten sich die Minister Uniformen machen lassen. Da war die Regierung aus einem Guß, und da wußten sie, wenn sie sich einen Galafrack mit Goldverbrämung und goldgestreifte Rankinghosen dazu bauen ließen, daß die Ausgabe lohnte. Sie blieben solange im Amt, bis das Gürtelband über den Rabei straffte und der Frack hinten in der Taille Querfalten zog. Dann schafften sie sich eine neue Garnitur an. Aber jetzt! Es kann Ihnen passieren, daß Sie Montags Ihre Uniform beim Schneider bestellen und daß Sie Dienstags schon fliegen. Früher hielt ein Minister zwei, drei Uniformen aus, heute ist eine schon viel zu viel. Haben Sie eine Ahnung, was so eine Galakluft kostet?

„Ich habe mir sagen lassen, einer von Ihnen habe sich trotzdem eine Uniform anfertigen lassen, die er ab und zu daheim vorm Spiegel und im trauten Familienkreis anzieht“

„So“, haben Sie davon auch schon gehört? Möglich ist es ja. Ich halte sogar nicht für ausgeschlossen, daß sich der Mann die Uniform nur deshalb angeschafft hat, damit er später, wenn die Regierung eines Tages aus dem Leim geht, zu irgend einer Partei sagen kann: „Ach lassen Sie mich doch bitte sitzen, ich habe ja schon die schöne Uniform. Wenn Ihnen die Farbe nicht gefällt, lasse ich sie gerne umfarben. Sie ist schon einmal umgefärbt, es hat sehr gut gehalten.“

Ich wußte genug und verabschiedete mich mit Dank, nachdem ich mir aus dem Etui meines Gewährsmannes noch eine ausgezeichnete amerikanische Zigarette angesteckt hatte.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-007-1528