Original

13. November 1919

Die Hauptstadt Luxemburg birgt seit kurzem eine Sehenswürdigkeit eigener Art. Wie meinen Lesern bekannt sein dürfte, hat Professor Milkpot in London seine durch den Krieg unterbrochenen Forschungen auf dem Gebiet der Affenkunde seit einem Jahr wieder aufgenommen, und seine Versuche, die Gabe der Sprache beim Affen nachzuweisen, waren diesmal überraschend erfolgreich. Er wählte ein besonderes geeignetes Exemplar, das Ergebnis einer Kreuzung zwischen Mycetes ursinus und Cebus capucinus. Erst lehrte er diesen Affen, auf den Namen „Fred“ hören. Dann versuchte er, dessen seelische Veranlagung ethisch und moralisch zu beeinflussen, leider ohne Erfolg. Fred blieb tückisch, feig, dummdreist und boshaft, wie alle Affen. Dagegen machte er in der Sprache gradezu erstaunliche Fortschritte, und seit kurzem ist er so weit, daß er sich in mehreren Sprachen geläufig ausdrücken kann. Ja, er hat sogar das Schreiben gelernt und redigiert manchmal kleine Zeitungsberichte in einer dem Deutschen nicht unähnlichen Sprache. Den Gipfel seines Triumphes mit Fred erreichte Professor Milkpot, als es ihm gelang, eine englische Landsmännin über die Natur seines Zöglings zu täuschen, so zwar, daß sie die Ehe mit dem Affen einging. Nachdem sie jedoch bei näherer Bekanntmachung mit ihm hinter das Geheimnis gekommen war, soll sie die Scheidung beantragt haben.

Fred gebärdet sich in der Hauptsache wie ein Mensch. Er verfügt über eine vollständige Herrengarderobe. Don Schwanz trägt er für gewöhnlich unter den Kleidern, und zwar je nach Stimmung und Laune kerzengrade am Rücken hinauf, oder unterwärts das linke Hosenbein entlang. Darum zieht er das linke Bein beim Gehen etwas nach. Zuhause trägt er den Schwanz zierlich um die Stuhllehne geringelt. Wähnt er sich unbeobachtet, so klaubt er mit Daumen und Zeigefinger in den Achselhöhlen nach Flöhen, die er wonnegrinsend verspeist. Im Ganzen ist er harmlos, nur gegen Damen wird er, nach Affenart, zuweilen unflätig. Ein Wink mit dem Regenschirm genügt jedoch, um ihn in die Flucht zu schlagen.

Fred ist auf seiner Tournee durch Europa auch nach Luxemburg gekommen. Er ist täglich von 10-12 und von 4-6 Uhr in der Redaktion der „Luxemburger Volkszeitung“ gegen mäßiges Entree zu sehen.

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    Katalognummer BW-AK-007-1529