Ein Bekannter war so liebenswürdig, mir die Abschrift eines Kapitels aus dem großen kriegsgeschichtlichen Werk „The Times History of the war“ mitzuteilen. Das Werk besteht aus 27 Bänden Lexikon-Format. Mein Gewährsmann hatte kürzlich Gelegenheit, es in London einzusehen und interessierte sich natürlich an erster Stelle für das Kapitel, in dem von Luxemburg die Rede ist. Er ließ sich eine Abschrift machen, die er mir jetzt zur Einsicht überlassen hat. Einige besonders interessante Stellen mögen hier folgen. Meine Leser werden sich mit mir wundern, wie manchmal die Geschichte geschrieben wird.
„Um die volle Bedeutung der unerwartet tapfern Verteidigung von Lüttich zu verstehen, muß man den Erfolg des ersten deutschen Vorrückens in Luxemburg in’s Auge fassen. Da stimmte fast alles mit dem deutschen Plan, der darin bestand, so unbemerkt und schnell wie möglich starke, aber leicht ausgerüstete Truppenmassen gegen die französisch-belgische Grenze vorzutragen. Die leichte Ausrüstung war notwendig für ein rasches und verstecktes Vorwärtskommen, und außerdem glaubte man in Berlin, die Truppen würden in Belgien Proviant bekommen und Munition und Züge mit schwerer Artillerie könnten nachgesandt werden, sobald die Maske gelüftet wäre, und könnten die Truppen erreichen, bevor diese sie ernstlich brauchten.
Eine so ausgerüstete Vorhut konnte Luxemburg völlig überrumpeln.“
Dann folgt die bekannte Darstellung der Ereignisse: Die deutschen Offiziere, die vorher alles in Zivil ausgekundschaftet hatten, die Empörung über den Ausspruch vom „Fetzen Papier“, die „Erzherzogin“ Marke Adelheid, die versuchte, die Brücke mit ihrem Automobil zu blockieren und General Vandyck, Kommandant von Luxemburg, von denen erstere die Weisung erhielt, ruhig nachhaus zu fahren, letzterer mit dem Revolver bedroht wurde.
Wenn die Engländer wirklich glauben, daß Großherzogin Marie Adelheid damals bei Gefahr ihres Lebens sich persönlich den Eindringlingen entgegengeworfen hat, so wird es immer rätselhafter, wer schließlich an ihrem Abgang schuld war.
Von Luxemburg selbst sagt die History of the war, es sei mit Jerusalem und mit Gibraltar verglichen worden und stehe da wie eine natürliche Schranke zum Schutze Frankreichs gegen Deutschland. Das klingt für uns nicht sehr beruhigend.
Zum Schluß stehe hier eine Stelle über den von Belgien geleisteten heldenmütigen Widerstand:
„Wenn wenige von uns mit der Brutalität rechneten, mit der die Deutschen das empörte Weltall überraschen sollten, so konnte noch weniger den prächtigen Mut vorhersehen, mit dem sich das kleine Belgien dem Millionenheer des Kaisers in den Weg warf. Ja, hätten die Belgier im voraus den Preis berechnen können, den sie würden bezahlen müssen, um ihre Pflicht gegen sich selbst und gegen Europa zu tutn, so hätte sich das Fleisch möglicherweise als zu schwach erwiesen. Aber die Ehre stellt nicht im voraus eine Kostenrechnung auf, und zum ewigen Ruhm Belgiens sei es gesagt, daß es aufrecht, Stirne hoch und festen Trittes in die Hölle auf Erden hineinschritt, die die Horden des Kaisers ihm bereitet hatten.“