Original

15. November 1919

Durch den Übergang des Stadttheaters in städtischen Besitz und Betrieb sind allerhand damit zusammenhängende Fragen akut geworden.

Die Tatsache, daß sich ein Direktor gefunden hat, der das Experiment einer ständigen Truppe wagen will, stellt zunächst die Frage, ob das Bedürfnis nach einem solchem Dauerbetrieb vorhanden ist, d. h., ist genügend Publikum da und ist die Bühne berufen, ihren Zweck als Bildungsfaktor hier zu erfüllen?

Wir müssen uns, was den ersten Punkt betrifft, des alten Standpunkts entwöhnen, daß die Stadt Luxemburg nur von Conrots bis zum Hotel Brasseur und vom Konstitutionsplatz bis zur Patreskirche reicht. Wir müssen uns in die Gegenwart hineinleben und mit einem Zentrum von über 50 000 Einwohner rechnen.

Andererseits besteht für uns die Notwendigkeit, die französische Sprachkultur im Volk mit allen Mitteln zu heben. Eines der mächtigsten ist das Theater. Jeder wird an sich selbst die Erfahrung machen, daß das Beispiel musterhafter Dikion von der Bühne herunter in ihm die Freude an der Sprache belebt und ein Ansporn zur Vervollkommnung ist. Es darf nicht sein, daß unsere Zweisprachigkeit sozusagen auf einem Bein weiterhinkt. Wir müssen unser totes Französisch beleben, und dazu ist der gangbarste Weg das Theater mit möglichst häufigen Vorstellungen.

Es genügt aber nicht, daß die Schauspieler spielen, es müssen auch Leute dasein, die zuhören. Es handelt sich also darum, das Publikum anzulocken.

Die „Indep. Lux.“ hat dieser Tage ein wirksames Mittel angepriesen: Man soll, wenn es nötig ist, möglichst viele Gratiskarten verteilen, die Preise ermäßigen usw. Vollkommen einverstanden. Es ist besser, das Theater ist voll und für die Hälfte der Plätze wird nichts bezahlt, als diese Hälfte bleibt leer. Es handelt sich also darum, die Personen zu ermitteln, denen die Karten geschenkt oder doch zu stark ermäßigten Preisen verkauft werden sollen. Man kann sich dieserhalb nur an Kollektivitäten wenden. Die Direktoren der Unterrichtsanstalten konnten unter ihren Schülern eine Auswahl treffen, das Personal eines Kaufhauses könnte berücksichtigt werden usw. Aber es braucht einige Zeit, bis das Experiment vorbereitet und durchgeführt ist.

Der Truppe, Lyon gegenüber besteht heute ein ganz eigentümliches Verhältnis. Sie hat sich in fünf Aufführungen derart bewährt, daß ihre künstlerische Qualität außer Frage steht. Aber sie spielte vor halb leeren Häusern. Die Anwesenden waren begeistert, aber sie waren zu wenig.

Das liegt zum Teil an folgendem Umstand: Für den überkommenen Theaterbetrieb mit den Pariser Wandertruppen ist der Besuch durch feste Abonnements gesichent. Schon seit Jahren ist es nur durch Zufall möglich. einen Platz zu erhaschen, wenn man nicht abonniert ist. So hat sich der größte Teil des Publikums vom Theater überhaupt fortgewöhnt und es den paar hundert Abonnenten sozusagen als Monopol überlassen. Dieser größte Teil des Publikums muß sich jetzt wieder an das Theater gewöhnen. Er wird es, wenn man ihm dazu die Zeit läßt.

Ob vier Aufführungen pro Woche neben den Gastspielen der Pariser Tournees zu viel find oder nicht, lasse ich dahin gestellt Wenn ja, so könnte der Versuch mit beschränkter Anzahl fortgesetzt werden.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-007-1531