Eine meiner wonnigsten Kindheitserinnerungen erwachte gestern in mir, als ein Rollefax mit lustigem Peitschenknall an mir vorbeifuhr.
Wer nie in seinem Leben den Peitschenstuß gehabt, der kann es mir nicht nachfühlen. Es ist ein körperlicher Genuß eigener Art, mit nichts anderm zu vergleichen. Im Augenblick, wo dem flockigen Quästchen der Peitschenschmitze der Knall entfliegt, wie eine elektronische Entladung, geht es dir durch Hand und Arm durch den ganzen Körper wie eine Erfüllung, wie Spasmus, wie die Auflösung eines Akkords, die Entspannung einer Spannung. Du bist auf @ Knall. der deinen Nerven sozusagen entblüht. nicht weniger stolz, als die Königin der Nacht auf ihre Märchenblume, die ja auch mit einem Knall, wie die Sage geht, zu ihrem kurzen Dasein entspringt. Die Peitsche ist dir nicht mehr eine einfache Peitsche, sie ist dir ein Musikinstrument, auf dem du spielst, wie Paganini auf seiner Geige und Paderew@ auf seinem Klavier.
Der Laie stellt sich, unter der Peitsche einfach einen Stiel vor, an dessen dünnem Ende eine Schnur befestigt ist.
Er hat keine Ahnung, daß die Peitsche mindestens so vielfältig ist, wie es die Hunderassen sind, die sich vom gemeinsten Köter bis zum aristokratischen russischen Windspiel erstrecken. So erstreckt sich die Peitschenrasse von dem primitiven Stock mit Bindfaden des kleinen Gänsehirten bis zu der unsäglich vornehmen und hochnäsigen Peitsche des Hofgalakutschers. Dazwischen liegen hundert Abstufungen.
Ich erinnere mich deutlich meiner ersten Peitsche. Wir pflegten damals das Peitschenknallen als reine Kunst, ganz unabhängig von jeder utilitaristischen Rücksicht. Wir stellten uns irgendwohin, wo wir genügend Ellenbogenfreiheit hatten, und machten sozusagen Fingerübungen, wie ein Schüler des Konservatoriums auf seinem Instrument. Wir „klaakten“ den „Zwätter“, den „Drötter“ und den „Ve’erter“. Die zwei letztgenannten Figuren sind höllisch schwer. Meines Wissens war nur einer im Dorf, der den Vierer mit tadellosem Zungenschlag herausbrachte. Es war „Laute Misch“, der später nach Amerika ging und dort in einer Bierbrauerei verunglückte. Man hörte ihn immer schon von weitem, und wenn es früh im Morgendämmer durch die Straßen knallte: Daggedaggedacktack!, dann sagten die Mädchen bei sich: Das ist der Misch - und lugten zwischen den Vorhängen heraus.
Meine ersten Übungen machte ich mit einer selbstgeflochtenen Peitsche. Es war die einfachste Nummer, die es über den gewöhnlichen Bindfaden hinaus gab, aus drei Schnüren geflochten, „getrötscht“. Dann kamen die „Läufer“, die aus vier, sechs oder acht Schnüren „geknöppelt“ waren. Wir zeigten mit Fingern auf die Künstler, die das „Knöppeln“ verstanden und die ihre Kunst wie ein altes Familiengeheimnis hüteten. So ein „Läufer“ mußte nach unten dünn zulaufen. Das nannten wir „ge’ spötzeg“.
Zum Peitschenläufer gehörte die Schmitze, der „Schmack“, wie das Mundstück zur Tromrete. Der „Schmack“ war aus edelstem Material, ebenfalls „ge’spötzeg“ gedreht und durch Knoten in halbfingerlange Absätze eingeteilt, damit sich beim Knallen nicht die ganze Schnur aufflockte. Wir hatten für unsern „Schmack“ dieselbe Sorgfalt, wie ein Billardkünstler für seine Mouche, denn von ihm hing Stärke und Metall des Knalles ab. Ein zu kurzes Quästchen gab einen trockenen, kurzen, ein zu langes dagegen einen gedämpften, verwischten Knall.
Wer nun gar einen Läufer besaß, der aus weißen Lederriemchen rund geflochten war, galt als Krösus. So ein Läufer war gegen die andern, wie ein kostbarer Stradivarius gegen die Geige eines Normalschülers.
Eines Tages kam ins Dorf eine Peitsche, bei der die Schnur in graziösem Bogen oben aus dem Stiel herauswuchs. Von da ab träumten wir nur noch von dieser Idealpeitsche.
Das ist alles schon lange her, und ich glaube, ich habe meine Künste als Solo-Knaller längst vergessen.
Nur eine Hundepeitsche könnte ich heute noch ab und zu gebrauchen.