Original

18. November 1919

Ein Leser schickt uns einen Ausschnitt aus dem „New York Herald“, wonach die Generäle March und Pershing am Jahrestag des Waffenstillstandes in Washington, Lafayette Square, je einen Baum zum Gedenken gepstanzt haben.

Der Ginsender knüpft daran die Frage, ob wir nicht auch hier einen oder mehrere Bäume zur Erinnerung an den 22. November pflanzen sollen.

Sie haben richtig gelesen: 22. November.

Ich hätte gedacht, das richtige Datum, das als Markstein in der Geschichte an unsere Befreiung vom fremden Joch erinnern würde, wäre der 21. November, der Tag, an dem die Amerikaner hier unter dem Jubel der Bevölkerung einzogen.

Tags darauf kamen die Franzosen. Sie wurden mit noch überschwänglicherem Jubel empfangen. Ich bin dafür, daß auch ihnen ein Baum gesetzt wird, ein Extrabaum, der speziell für sie ist. Aber der eigentliche Befreiungsbaum soll am 21. November gepflanzt werden. Warum? Das stand schon vorm Jahr hier zu lesen:

„2. August 1914 - 21. November 1918!

Die beiden Daten gehören zu den größten unserer Geschichte.

An dem einen brach eine der Mächte, die im Londoner Vertrage unsere Neutralität gewährleistet hatten, diesen Vertrag und unsere Neutralität zu nachtschlafener Zeit.

An dem andern wurde am hellen Mittag, unter blauem Novemberhimmel, der Festtagsglanz über das Land strahlte, von den übrigen Mächten der gebrochene Vertrag neu besiegelt.

Drastischer konnten Frankreich, England, Italien und Belgien, die zu den Londoner Vertragsmächten gehören, unsere Neutralität nicht gewährleisten, als indem sie den, der sie verletzt hatte, aus dem Lande warfen.

Und daß sie uns die Amerikaner als ihre ersten Vertreter herschicken, nehmen wir gerne als Anzeichen dafur, daß uns die Entente nach dem vom Präsidenten Wilson verkündeten Grundsatz über unser zukunftiges Geschick selbst will bestimmen lassen.

Wir wollen es tun in aller Klarheit und Wahrheit.

Daß wir es frei dürfen, das ist, was heute, nach 4½ Jahren schwerer moralischer und materieller Fesselung und Einengung, uns erlöst aufatmen läßt.

Das gibt unserer Freude über den Einzug der Freiheitbringer den nationalen Hintergrund.

Unter den amerikanischen Soldaten, die heute unterm Sternenbanner durch unsere Straßen ziehen, sind viele, in deren Adern luxemburger Blut rollt.

Sie haben für ein Freiheitsideal gekämpft, für das auch in der Heimat ihrer Eltern und Ahnen alle Herzen schlagen.

Sie haben geholfen, uns die Freiheit wiederschenken, von der unser Nationallied singt.

Mögen heute im Gedenken an jenes Freiheitsideal und an die glorreichen Toten, die dafür geblutet haben, unsere Stimmen zusammenschallen in brausendem Hurrah! auf die Söhne des Landes, an dessen Schwelle das Standbild der Freiheit mit strahlender Fackel alle Ankommenden grüßt.“

Soviel für heute.

Über die Frage der Erinnerungsbäume läßt sich noch manches Weitere sagen, was vielleicht später gesagt werden wird.

Übrigens hatte sich schon vor einem Jahr, sofort nach dem Einzug der Entente-Truppen, im Bahnhofviertel ein Ausschuß gebildet, der auf dem Pariser Platz einen Freiheitsbaum pflanzen wollte und von General Pershing die Zusage erhalten hatte, daß er die Pflanzung persönlich vornehmen wollte.

Ist der Freiheitsbaum gepflanzt worden oder nicht?

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    Katalognummer BW-AK-007-1533