Original

19. November 1919

Wir schwelgten in Erinnerungen an eine Zeit, die zirka tausend Jahre zurückliegt.

Es war die Zeit kurz vor dem Krieg, der den klaffenden, mit Blut und Eisen gefüllten Spalt in die Wettgeschichte gerissen hat.

Wir sprachen zum Beispiel von einer Pfingstfahrt durch Belgien und frohen Stunden im Hôtel de la Poste in Bouillon.

Da erzählte Fernand: Als ich das letzte Mal mit dem Auto nach Bouillon kam, war es weniger heiter. Vor den preußischen Ulanen und ihren Kugeln her hatte ich einen belgischen General mit den Archiven des Kommandos auf militärischen Befehl nach Brüssel zu schaffen. In Bouillon machten wir Station. Die Boches waren uns dicht auf gewesen, jetzt lagen sie etwas zurück und wir konnten verschnaufen. Es war am Donnerstag nach dem berüchtigten Ultimatum.

Grade saß ich vor dem Hôtel de la Poste auf der Bank und ruhte ein wenig aus. Wir hatten allerhand merkwürdige Un- und Zwischenfälle gehabt. Unterwegs war mir ein Hinterrad glatt herausgesprungen, im Gefälle vor Bouillon hatten beide Vorderräder auf einmal Abschied genommen und wir waren auf dem Rahmen eine Strecke weitergerutscht. Wer mir vor der Absahrt den Wagen sabotiert hatte, konnte ich nie herausbringen.

Gut, ich sitze also auf meiner Bank und ruhe mich aus von den Strapazen und Aufregungen der Fahrt.

Da kommt im Renntempo ein junger Mann auf einem Motorrad die abschüssige Straße herunter, auf das Hotel zu. Er hat ein frisches, keckes Bubengesicht und ist barhaupt. Er läßt beide Schuhe auf dem Boden schleifen, um zu bremsen. Die Maschine stoppt, er klettert aus dem Sattel und setzt sich zu mir. Wir duzen uns gleich, wie ja in jenen Tagen alles in allgemeiner Kriegskameradschaft auf dem Duzfuß stand.

Er sagte, er wolle „sich engagieren“. „Was,“ sagte ich, „du bist ja noch viel zu jung.“

Da erzählte er mir, er sei siebzehn, er sei zuhaus seinem Vater, dem Besitzer des Grand Hotel Beyens, heimlich ohne Mütze und mit zwei Mark in der Tasche auf und davon gegangen, und er wolle sich für Belgien schlagen. Er müsse unbedingt zum General.

Der General hatte zu tun und er mußte warten. Dann wurde er vorgelassen und kam zurück mit dem Bescheid, der General habe ihn nicht nehmen wollen, weil er zu jung sei. Aber er werde es durchsetzen, er werde jetzt weiter fahren, und er wolle sehen, ob sie einem Belgier, der für sein Land kämpfen wollte, keine Flinte in die Hand gäben.

Ich füllte ihm noch seinen Benzinbehälter auf und nachts machte er, daß er weiter kam. Bei Gurig@ haben ihn die Franzosen angehalten und als deutschen Spion eingesperrt, aber morgens sahen sie, daß sie sich geirrt hatten und entließen ihn mit Entschuldigungen und Glückwünschen.

Meine Leser kannten die Geschichte von der Flucht des jungen Robert Beyens und dem Brief, den er hinterlassen hatte, aber ohne Einzelheiten. Diese kleine Episode war wert, daß ich sie erzählte. Sie ist eine von den vielen Geschichtchen, aus denen später einmal die populärste Geschichte des großen Krieges gemacht wird.

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    Katalognummer BW-AK-007-1534