Als ich gestern Vormittag an der Ecke Königsring und Maria-Theresienstraße - dort, wo unsere Stadt am dreckigsten ist - den Fahrdamm überquerte, bückte sich gerade vor mir eine junge Frau, neben der ein Eisenbahner ging, und hob einen Sou auf, der in der Brühe von schmelzendem Schnee und Straßenschlick so lebhaft glänzte, wie es ihm seine Ersatznatur erlaubte.
„d’Me’nz aß eso’ rar“, sagte die Finderin, gleichsam als wollte sie sich vor ihrem ehrlichen Gewissen eine Entschuldigung dafür zurecht machen, daß sie sich für fünf Centimes luxemburger Währung fremdes Gut aneignete.
Ich kenne Unzählige, die an dem verlorenen Sou verächtlich vorbeigegangen wären und sich die Finger nicht naß gemacht hätten. Sie hätten vielleicht Unrecht gehabt. Die Weltliteratur ist reich an Beispielen, die beweisen, wie gut und heilsam es ist, sich auch nach wenigem zu bücken. Ich habe als Kind eine Geschichte gelesen, die damals auf mich einen starken Eindruck gemacht hat und mir deshalb unvergeßlich geblieben ist. Ein amerikanischer Milliardär ging als kleiner Junge auf eine Anzeige hin in ein Geschäft, um sich als Ausläufer anzubieten. Auf dem Hof der Fabrik begegneten ihm andere Buben, die abgewiesen worden waren und ihm zuriefen, es habe keinen Zweck, er werde ja doch herausgeschmissen. Er aber ließ sich nicht abschrecken und drang bis zu dem hochmögenden Herrn vor, der die Stelle zu vergeben hatte.
„Gut, du kannst sofort eintreten“, hieß der Bescheid. Und als der Kleine vor freudigem Erstaunen sich erst nicht regen konnte, sagte der Herr: „Ich habe dir zugesehen, wie du über den Hof kamst, du bücktest dich, nahmst eine Stecknadel auf und stecktest sie in deinen Rockaufschlag. Darum habe ich dich sofort genommen. Sieh zu, daß du mich nicht enttäuschest.“
Das ist nur die einfache Geschichte eines kleinen amerikanischen Milliardär-Anwärters. Es gibt eine andere Geschichte, die von einem viel Größeren handelt, und sie steht in der Bibel. Es ist die Geschichte von unserem Herrn Jesus Christus, der unter dem Spott seines Jüngers ein altes Hufeisen aufhob und später damit dem leichtsinnigen Petrus Kirschen kaufte.
Wäre ich die Eisenbahnerfrau von heute morgen, ich ließe mir den gefundenen Sou als Talisman fassen und hängte ihn mir zur immerwährenden Mahnung um den Hals.
Nun stellt sich die Frage nach dem Schicksal dieses Sous, wenn er kein Sou, sondern ein goldenes Zwanzigmarkstück gewesen wäre. Die Finderin von heute morgen sah nicht so aus, als ob sie ihr Gewissen mit 20 Mark hätte beschweren wollen. Sie hätte ihren Fund auf die Gendarmerie getragen. Aber Unzählige, die sich zwar nicht nach dem Sou, wohl aber nach der Doppelkrone gebückt hätten, wären weniger skrupellos gewesen. Denn man sagt heute allgemein: Das ist gefundenes Geld! wenn man von solchem Geld spricht, auf das man nicht gehofft hatte und mit dem man sich also ein Extra leisten kann.
Ich habe einmal ein goldenes Zehnmarkstück - nicht gefunden, aber verloren. Ich gäbe die zehn Mark heute gerne darum, wenn ich wüßte, was aus dem verlorenen Stück geworden ist. Auch von Goldstücken kann man sagen: Habent sua fata.
Heute ist die Poesie des Findens stark beeinträchtigt. Wenn man heute einen Fünfundzwanzigfranksschein im Dreck verliert, geht er höchst wahrscheinlich darin unter. Denn er ist von Geburt ein Lump.