Original

21. November 1919

Heute wäre also der Tag, an dem der Baum der Erinnerung an unsre Befreiung gepflanzt werden müßte. Bis jetzt ist nichts darüber verlautet. Die schnellebige Menschheit von heute scheint auf das Bäumepflanzen nicht viel Wert zu legen. Es kommt dabei kein unmittelbar Greisbares heraus, wie z. B. beim Spekulieren auf die deutsche Mark. Der Nutzen ist für die Nachkommen, und eine Zeit, die mit dem Gedanken umgeht, die Erbschaften abzuschaffen, hat für die Nachkommen überhaupt nicht viel übrig.

Eigentlich hätte man doch den Baum pflanzen sollen. Der Baum ist in unserm Leben etwas Vielbedeutendes, von dem Baum der Erkenntnis, von dem Eva den unseligen Apfel gepflückt hat, bis zu dem andern, von dem das Volkslied singt: „Es steht ein Baum im Odenwald - Der hat viel grüne Äst - Da bin ich wohl viel tausendmal - Mit meinem Schatz gewest.“

Sehen Sie, der Baum im Paradies und der Baum im Odenwald - immer ist ein Frauenzimmer dabei im Spiel.

Wo sollen wir unsern Freiheitsbaum hinpflanzen? Und was soll es für ein Baum sein?

Ich höre leises Blätterrauschen. Um Gotteswillen, wenn schon, dann nur nicht an den Paradeplatz Ein Baum an Euerm Paradeplatz hat es schlechter, als ein Eckstein, denn der ist nur für die Hunde da. Wollt Ihr einen von uns als Solobaum pflanzen, dann also nicht an den Paradeplatz. Und nicht an eine Stelle, wo der Charly vorbeidampft und alles mit Ruß überpudert und die Erde erschüttert, daß sich uns die Wurzeln zusammenkrampfen.

Und auch nicht einsam und vereinzelt wollen wir auf einem Platz stehen, denn wir brauchen Geselligkeit, wir Bäume. Wir wollen so nahe bei Kameraden stehen, daß wir deren Blättersprache hören und verstehen können. Glaubt Ihr, wir haben uns nichts zu sagen? Glaubt Ihr, es drängt uns nicht im Frühling unsre Lust und im Herbst unsre Wehmut in verständnisinnige Seelen zu gießen? Wenn Ihr einen Freiheitsbaum pflanzen wollt, so pflanzt ihn auf eine Höhe im Baumbusch, wo er weithin sichtbar gegen den Himmel steht und mitten unter Seinesgleichen.

Ich finde, die Bäume haben Recht. Sie sind sozusagen die Hauptinteressenten, und sie sollte man vor allen andern anhören.

Aber was sollen wir pflanzen? Dem guten, unvergeßlichen Dr. Martin Klein haben sie in Mondorf eine Linde gepflanzt. Die Linde hat vieles für sich. Sie ist ein stattlicher Baum, ihre Blüten duften süß und liefern einen geschätzten Tee. Und sie wird sehr alt. Vielleicht älter, als die Freiheit, an die sie erinnern soll.

Aber die Eiche ist auch nicht von Pappe. Wenn in Hostert eine uralte Linde steht, so steht in Syren eine wahrscheinlich noch urältere Eiche. Trägt die Linde einen köstlichen Tee, so trägt die Eiche Eicheln, aus denen die Schinken werden, die mancher dem besten Tee vorzieht. Und die Eiche hat es mit allerhand heiligen Dingen zu tun. Am Ringelbeur, unweit der Geisterhütte im Grünewald stehen die sechs PrinzeßEichen. Sie sehen, die Eiche hat die allerbesten Referenzen.

Oder die Buche? Ich wäre zum Beispiel eher für die Buche. Sie hat den schönen silbrigen Stamm, die anmutige Tracht der Äste, das zarte Laub, das aus den Knospen quillt, gefältelt wie das Batisttüchlein einer Erstkommunikantin, sie steht im Herbst in der Apotheose ihrer satten Farben, und ihre Bucheckern sind noch viel besser, als die Eicheln. Wer hat noch die Riesenbuche auf der „Hambiersknupp“ gekannt? Wäre es nicht stattlich, wenn über fünfhundert Jahre da und dort hoch im. Land eine solche Buche als Wahrzeichen unserer Freiheit ragte?

Übrigens: Muß es denn absolut ein Baum sein? Könnten wir, die Stadt der Rosen, zum Andenken an unsre Befreier nicht einen Rasenstock pflanzen. Freund Charles, was sagst du dazu? (oder heißt auch der am Ende Eduard?) In Hildesheim steht ein Rosenstock, der 800 Jahre alt ist. Was sie in Hildesheim können, können wir auch.

Und eine Nose ist schließlich immer schöner, als eine Eichel oder Buchecker, wenn man damit auch keine Schweine mästen kann. Und eigentlich sollte die Freiheit ja auch nicht dazu da sein, daß sich die Schweine damit mästen.

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    Katalognummer BW-AK-007-1536