Original

22. November 1919

Die Besten des Volkes zerbrechen sich die Köpfe, um Mittel gegen die Wohnungsnot ausfindig zu machen.

Es gibt in der ganzen Schöpfung eine Kreatur, die die Wohnungsfrage ideal gelöst hat: die Schnecke. Sie führt ihr Haus immer bei sich. Sie müßte ich heute als Vorbild empfehlen.

Es steht nirgends geschrieben, daß wir uns Häuser von Stein bauen sollen, um darin jahraus jahrein auf demselben Fleck zu hocken. Ganze Völkerstämme haben nie ein Dach von Ziegeln oder Schiefern oder dergleichen über ihren Häuptern gesehen. Ich kenne einen jungen Mann, der in einem Rucksack eine ganze Zeltausrüstung mit sich herumträgt. Ist er in einer Familie zu Gast und es ist Zeit zum Schlafengehen, so sagt er gute Nacht in die Runde, nimmt seinen Rucksack und geht damit in den Garten. Dort schlägt er sein Zelt auf und streckt sich darin zur Ruhe nieder, auf die Gefahr, hin, die Hausfrau, die ihm im Fremdenzimmer ein molliges Bett gerichtet hatte, auf den Tod zu beleidigen.

Das Zelt ist eine Art Haus, mit dem wir es der Schnecke einigermaßen gleich tun können. Aber es ist noch nicht das Haus, das ich meine.

Was mir vorschwebt, ist der Wohnwagen, englisch van, französisch roulotte, luxemburgisch Kame diswon.

Rümpfen Sie bitte darüber nicht die Nase und zucken Sie nicht die Achseln, und überdenken sie lieber die Zukunftsmöglichkeiten, die uns der Wohnwagen erschließen könnte.

Er würde uns vor allen Dingen von dem Alp Großstadt befreien. Alles Böse in der heutigen Welt kommt von der Großstadt, diesem Geschwür, diesem Waffenkopf, diesem Maximumswahnsinn. Er würde uns die ideale Freizügigkeit wieder geben und der Natur wieder zu ihrem Recht verhelfen. Paris läge nicht mehr auf einem kleinen Platz zusammengepsercht, es würde sich über tausend Straßen durch ganz Frankreich verästeln. Du, lieber Leser, wärest nicht mehr ausschließlich in der Großstraße zuhaus, sondern bald an der Mosel, bald im Ösling. wie es dir gefiele. Du hättest deinen Wagen, zwischen dessen vier Wänden sich dein häusliches Leben abspiesen würde. Aber als Mensch, als Faktor in dem großen Ganzen, das die Welt vorantreibt und die Geschichte macht, würdest du eben dem Ganzen gehören. Du würdest von deinem Leben lange nicht mehr so viel, wie heute, verdösen.

Schlecht bräuchtest du es darum noch nicht zu haben. Ich habe solche vans gekannt, die wahre Klein@ien von Luxus und Bequemlichkeit waren. Die Verwandlungsfähigkeit, die Raumausnutzung, das Praktische waren darin auf die Spitze getrieben. Ein paar Handgriffe, und da stand ein Salon mit einer schattigen Terrasse davor, ein paar weitere Handgriffe, und aus dem Salon war ein komfortables Schlaszimmer geworden. Ich habe dieser Tage noch erzählen hören, wie eine Antwerpener Familie in den bösen Herbsttagen 1914 die Frage nach Unterkunft dadurch löste, daß der Vater rasch entschlossen von einem Zirkusinhaber einen Wohnwagen kaufte und ihn mit Kind und Kegel auf die Eisenbahn setzte. Weiter hinaus ließ er sich von Ort zu Ort mit Bauernpferden karrielen und zuletzt stand der Wagen irgendwo im Park einer Großstadt und war eine Sehenswürdigkeit.

Was sagst du dazu, Franz, sollen wir nicht den Staub der Städte von unseren Sohlen schütteln und uns die Roulotte kaufen, von der du schon so lange träumst?

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    Katalognummer BW-AK-007-1537