Es war einmal der Schrei nach dem Kinde.
Heute ist es der Schrei nach der Kohle, der durch die Zeit geht.
Kohle war das verächtlichste, was wir kannten. Sie war sozusagen das Sinnbild des Proletariertums der Dinge. In der Berührung mit ihr wurde alles traurig und schmutzig. Kohlenstaub, Kohlenruß legte sich auf das lebendige Grün der Wiesen und Gärten und machte aus einem Paradies eine Hölle. Von der Kohle kam uns alles Trübe, Schmutzige, Hassenswerte, das wir flohen und dem wir fluchten. Ich erinnere mich eines Augenblicks, wo ich von dem Ausstellungsplatz von Charleroi in den schwarzen Kessel hinuntersah, der mit menschlichen Wohnungen angefüllt ist und wo zwischen den Häusern heraus die Gerüste ragen, die über den Eingängen zu den Kohlenschächten stehen. Ich wußte, daß ich lieber Selbstmord begangen hatte, als mich zum Wohnen in solchem Inferno zu entschließen.
Auf einmal ist es anders geworden. Und die Kohle sagt schadenfroh grinsend und voller Haß gegen alles, was im Lichte wandelt: Ihr habt mich mit Füßen getreten, Ihr habt mich verachtet und seid der Berührung mit mir ausgewichen. Ihr sagtet, von mir käme der Staub, der Eure Blumen beschmutzte und der Ruß, der Eure Städte in die Farbe der Trauer kleidete. Jetzt wißt Ihr, daß Ihr mir anderes verdankt. Alles, was Euer Leben lebenswert macht! Ihr verdankt mir das Licht und die Wärme und die Kraft. Mir verdankt Ihr es, wenn auf Euern Bällen Lichtfluten über weiße Frauenschultern strömen, mir verdankt Ihr es, daß Ihr die Nacht zum Tage machen könnt, daß Ihr vor dem Viß des grimmigen Frostes geschützt in Euerm Heim sitzt, wie in Abrahams Schoß, daß Ihr Euch die ganze Welt zu eigen machen, den Erdball mit Euern Eisenbahnen umspinnen könnt, daß Eure Maschinen sausen, daß Eure ganze Kultur nicht zurücksinkt in die sagenhafte Zeit, aus der Prometheus die Menschheit durch den Raub des Feuers hat erlösen müssen!
So raunt die Kohle herauf aus den Tiefen der Erde, wo sie als ein gigantischer Akkumulator von Jahrtausende alten kosmischen Kräften gefangen liegt.
Und in den Schrei nach Kohle hallt der andre Schrei hinein: Nach einer Umschaffung der Welt von heute, nach einer Neugestaltung aller Dinge von Grund aus, damit der Haß aus der Menschheit verschwinde, der Haß von rechts nach links und von unten nach oben, der Haß der Völker und der Klassen.
War unser Verhältnis zur Kohle nicht symbolisch für die alte Welt, die jetzt aus den Fugen zu gehen droht? War die Entfernung von dem Häuer, der tief unter der Erde in menschenunwürdiget Fron die Kohlen grub, bis zu denen, die Diamanten an ihrer Hemdenbrust, und um ihre Hälse trugen, nicht allzu weltenweit? Der Kohlengräber ist das Urbild des Proletariers, der auf die Schattenseite des Lebens verbannt ist. Wird die Wendung zum Neuen, zum Bessetn, zum Guten sich nicht um die Kohle als um die Achse der ganzen Kultur drehen müssen? Denn wenn alle Arbeiter an ein menschenwürdiges Dasein gewöhnt sind, so findet sich keiner mehr, der in die Kohlengrube hinuntersteigen will, vor Augen den Tod und ein Leben, das nicht viel besser ist, als ein langsames Gewöhnen an den Tod.
Ich bin neugierig, wie es in der neuen Welt mit der Kohle werden soll.