Der 21. November ging vorüber, der 22. November ging ihm nach - ich habe nicht gehört, daß irgendwo eine Jährestagsfeier zur Erinnerung an unsre Befreiung begangen worden wäre. Kein Baum wurde gepflanzt, kein Te Deum wurde gesungen, kein Festessen wurde gehalten - die zwei Tage gingen werktäglich und schmucklos in’s Land. Höchstens daß es da oder dort einer Maid an’s Herz griff im Gedenken an den Tag, wo sie zuerst ihren Jimmy oder Billy oder Jack erblickt hatte.
Und es wären doch wahrhaftig Feste zu feiern gewesēn, wie keine im Jahr, keine in einem Men- schenleben und wenige im Leben eines Volkes. Wie war uns doch so überirdisch zumut, als wir vorm Jahr auf der Freitreppe unseres alten Rathauses standen, und über uns lag der blaue Novemberhimmel, leise durchsonnt, und wir waren sicher, daß die Strene nicht plötzlich anheben und Unheil vertunden wurde, und eine französische Militärtapelle spielte den Feierwon und die Schtuchzer quollen uns wild aus dem Hals, daß wir schreien, heulen, brüllen mußten, um nicht zu bersten.
Ich hätte gedacht, wenn ein solcher Tag sich jährte, müßten wir zusammen gehen und die Glocken läuten und mit den Böllern schießen und die Lüfte mit unserm Freudengeheul füllen, und das Jahresfest müßte sich wiederholen in alle Zukunft, über 500, 1000 Jahre noch müßten der 21. und 22. November luxemburger Nationalfeiertage sein.
Statt dessen: Nichts! Gar nichts! Am Wirtshaustisch sagte der eine oder andre: Vorm Jahr war es belebter, da saßen hier die Amerikaner. Und sein Nachbar holt einen Seufzer von tief unten herauf und sagt: Ja, es war eine teure Zeit.
Wir Zivilisten wissen keine Feste zu feiern. Man hat uns herart zur Nüchternheit erzogen, daß wir ganz aus der Übung gekommen sind. Wir haben das Festefeiern der Kirche überlassen. Sie hat sich aus dem öffentlichen Pomp ein Monopol gemacht. Uns ist nur der Hämmelsmarsch von Kirmessonntag geblieben, und auch der wagt sich nur früh morgens in die Straßen, wenn drei Viertel der Bürgerschaft noch nicht vor die Türe gehen.
Die Kirche aber füllt den ganzen Tag mit ihren Festen, mit ihrem Böllerknall und Glockenschall, mit dem Geschnarch der Fanfaren und dem Durcheinander der Gebete und Gesänge, mit dem Flattern der Fahnen und dem Flackern der Flammen. Sie feiert Ostern und Pfingsten, Weihnachten und Himmelfahrt und Fronleichnam, jeden Augenblick brummt die Feiertagsglocke und lockt die Menge in Strömen nach den kerzenhellen Kirchen. Sie weiß, wie man es machen soll, um die Volksseele nach der gewollten Richtung in Schwingung zu halten.
Aber wir, die Zivilisten, die Profanen, die wir uns einbilden, das Rohmaterial der Geschichte zu sein, wir lassen einen der größten und bedeutungsvollsten Tage unseres nationalen Lebens vorüber gehen, ohne daß wir ihm zu Ehren mit der Wimper zucken, ohne daß wir die kleinste Glocke läuten oder den dünnsten Böller losschießen. In Amerika sind sie in der Stunde, wo vorm Jahr der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, allem Verkehr in die Zügel gefallen, minutenlang mußten alle Pulse des öffentlichen Lebens aussetzen, überall draußen wurde der Tag festlich begangen, in Deutschland feierten sie den Jahrestag der Revolution - wir gingen an dem hellen Widerschein der großen Zeit vorüber, als ginge uns das alles nichts an.
Wer weiß, vielleicht war es das Richtige? Glücklich die Völker, die keine Geschichte haben!