Ich schwärme für Horizonte.
Wenn Sie den Gelehrten glauben wollen, so ist der wahre Horizont der Durchschnitt einer mit der Horizontalebene eines Ortes parallel durch den Erdmittelpunkt gelegten Ebene mit der Himmelskugel.
Wenn Sie dagegen mir glauben wollen, so ist der Horizont die Stelle, wo Sie ebenen Fußes von der Erde in den Himmel hineinschreiten können.
Für diese wundersame Sache hat der Doutsche kein Wort. Er, der die Sehnsucht in Erbpacht hat, wußte aus seiner Sprache kein Wort herauszugebären, das diesem Sinnbild aller Sehnsüchte, dem Horizont, zum Namen geworden wäre.
Er sagt „Gesichtskreis“. Aber das ist nur Ersatz. Der Sträfling hat in seiner Zelle auch einen Gesichtskreis, aber keinen Horizont. Zum Horizont gehört der Himmel. Man kann Horizonte sammeln, wie man Sonnenuntergänge sammelt.
Als Kind interessiert man sich bekanntlich für den Horizont nur insofern, als man den Entschluß gefaßt hat, ganz sicher eines Tages - morgen! - bis dahin zu gehen, wo man nur noch einen Schritt zu tun braucht, um im Himmel zu sein. Aber schon da macht man unbewußt die Erfahrung, daß der Horizont das ewig Unerreichbare ist, das ewige Morgen, die aus Himmel und Erde gemachte Sehnsucht, die sich nie erfüllt. Du wanderst Tage, Wochen, Jahre, Leben lang, der Horizont wandert vor Dir her und Du erreichst ihn nie.
Du mußt lernen, im Verweilen Dich des Horizonts zu freuen, ihn malerisch und poetisch zu fassen.
Ich kenne Horizonte, die mit meiner Seele verwachsen sind, wie die Züge geliebter Menschen. Wenn ich mittags aus der Stadt heimgehe, hinaus, wo die lenten Häuser stehen, aus der Enge in die Weite, dann liegt vor mir der Horizont, mit dem ich sozusagen auf Duzfuß stehe. Wiesen, Kirchturm, Gehöfte, und dann die Wälder der Heimat, wie sie der arme Lang gemalt hat, in ihrem sanften auf und ab und dem Sichhaschen und Fliehen ihrer Umrisse. Ich denke an kühle Schattengründe mit klaren Quellen, an das Schweigen im Wald, an einsame Wanderungen durch Täler und Höhen hinauf, an weite Blicke ins Land, an stille Gehöste, vor denen Hunde bellen - an ein Leben als Mensch, nur Mensch. Der Kirchturm von Leudelingen steht hinter einer Waldkuppe heraus und sagt zu den Häusern: Duckt Euch nur, ich halte Ausschau, ich sehe nichts Verdächtiges. Und regelmäßige Reihen von Alleebäumen schreiten durch die Landschaft und sagen: Wer nach Esch will, bitte hier hinaus, wer nach Bettemburg will, bitte dort usw. Und ein weißes Rauchwölkchen quillt zwischen den Hügelwellen und quillt immer neu, immer weiter fort, wie wenn ein Konditor aus einer Papierdüte einen Geburtstagskuchen weiß begußt. Es sind die Lokomotiven der Mittagszüge nach Brüssel und Paris. Ich gebe ihnen meine Grüße mit auf den Weg. Das darf man jetzt wieder.
Abends, nachts liegt die Landschaft schwarz hinaus bis an den Himmel und die Feuer von Düdelingen, Esch und Differdingen machen den Bergen eine hell schimmernde Folie.
Dieser Horizont war uns lange „der“ Horizont. Dort hinaus war für uns die Welt zu Ende, abgeschlossen durch das ewige Sperrfeuer der Schlachten. Von dorther kam das entsetzliche Auszittern der Greuel von Verdun bis Ypern. Der Kindertraum, daß man vom Gipfel jener Höhen gradeaus in den Himmel gehen könnte, hatte sich in sein unheimliches Gegenteil verkehrt. Von dort führte der Weg gradeaus in die Hölle.
Aber darum lieben wir den Horizont der Sonnenuntergänge, weil er die Mauer war, die uns den Graus der Schlachtfelder verhüllte, und weil von ihm her die Bringer der Freiheit zu uns herniederstiegen.