Ein Freund von mir war am Sonntag abend im Stadttheater.
Ein anderer Freund war mit Frau und Kind im Kino.
Der erste Freund erzählte, daß das Theater halb leer war und daß es eine Schande für das luxemburger Publikum sei, eine so vorzügliche Truppe nicht wirksamer zu unterstützen und sich die kulturellen Werte eines guten Theaters auf so unverzeihliche Weise entgehen zu lassen.
Der zweite Freund sagte, alle Kinos seien zum Bersten voll gewesen und das sei jeden Abend so und daran werde das Theater nichts ändern.
Die beiden Freunde gerieten in eine Debatte, und ich halte es für interessant, die Hauptpunkte, um die sie sich drehte, hier festzuhalten.
Der erste Freund strich die Vorteile des Theaters heraus.
„Der große Unterschied“, sagte er, „liegt darin, was man sieht und wie man es sieht. Das Theater bringt Darbietungen, deren Wirkung zum größten Teil auf dem gesprochenen Wort beruht. Ein Gefühlsausbruch auf der Theaterbühne wirkt umso stärker, als zu dem Spiel des Mimen das Wort des Dichters kommt. Das gilt für das höchste Pathos wie für den neuesten Börsenwitz. Im Kino gibt es keinen Witz. Dort ist die Gebärde alles, die Menschen bleiben stumm und im Zuschauer nehmen die durch das Spiel erregten Gefühle keine gedankliche Form an, alles braut in den Niederungen des Empfindens, die jenseits der Schwelle liegen, wo die eigentliche Bewußtheit des Affektes beginnt. Ein Mensch, der immer nur ins Kino ginge, würde schließlich so stark und rein impulsiv empsinden lernen, daß er für seine Gefühle keine Worte mehr fände. Er könnte noch sagen: Ein Glas Bier, ein Wiener Schnitzel, oder: Wo geht man hier nach dem Bahn- hof? aber in Zorn und Haß und Liebe wäre er auf unartikulierte Töne angewiesen.
Im Theater sieht man die Menschen und Dinge in ihrer runden Wirklichkeit und in ihrer natürlichen Farbe. Gutes Theater muß deshalb auch geschmackbildend wirken und die Augenkultur fördern“
Der andere Freund wartete ungeduldig, bis er an die Reihe kam. Er sprudelte seine Argumente nur so hetaus und begleitete sie mit erregten Gebärden.
„Ich pfeife auf dem Theater und das gesprochene Wort!“ rief er. „Was habe ich davon, wenn Frl. VeraSergine aus a Pris mir stundenlang die schönste französische Porsa vorspricht und ich verstehe davon nur die Hälfte! Ich habe doch französisch in der Schule gelernt, wie jeder Luxemburger, aber ich muß aufpassen, wie ein Schießhund, wenn ich einen Satz ganz verstehen will. Und wenn mir einer von Euch sagt, er verstehe alles, so ist er ein ganz gemeiner Aufschneider. Und eine Geste, ein Blick von Charly Chaplin ist ein besserer Witz, als der beste Kalauer, und wenn ich im Kino auf dem allerbilligsten Platz sitze, habe ich soviel davon, wie auf dem teuersten. Und gute Musik jeden Abend obendrein. Und für mich und meine Frau und meine Tochter zusammen kostet es kaum mehr, als wenn ich allein ins Theater ginge. Und wir brauchen uns mit Verstehenwollen nicht anzustrengen.“
Sie redeten noch lange hin und her, ich aber ging in Gedanken versunken weiter.
Es ist wahr: Das Theater stellt an den Zuhörer immer Ansprüche Er ist im Theater immer noch ein wenig in der Schule. Und darin hat der zweite Freund Recht: Viele, die meisten von uns verstehen die raschzüngigen Pariser Schauspieler und Schauspielerinnen nur zumteil. Aber das war immer und überall so. Ich habe immer festgestellt, daß berühmte Mimen großenteils dadurch berühmt wurden, daß sie unnachahmlich deutlich aussprachen und von jedermann verstanden wurden. So hängten sie sich ins Schlepptau des Dichters und das kann keinem Mimen etwas schaden. Aber die wenigsten tun es.
Daß die höheren Preise auch an der Abwanderung vom Theater nach dem Kino schuld sind, liegt auf der Hand. Aber ich weiß nicht, ob es gut wäre, deshalb die Theaterpreise zu ermäßigen. Nachdem die ganze Lebenshaltung um wenigstens das Doppelte gestiegen ist, wäre es verkehrt, mit den Preisen fürs Theater herunterzugehen. Dagegen müßte die Allgemeinheit größere Opfer bringen, da die Einnahmen stationär bleiben, die Ausgaben für Bühnenpersonal, Heizung usw. aber sich mindestens verdoppeln.
Ich denke nicht an eine Verschiebung, die dem Kino Kunden entführen und sie ins Theater locken soll. Aber jeder, der ein wenig um sich herumdenkt, muß sagen, daß es in unserer Stadt heute wenigstens 1000 bis 2000 Leute gibt, die hier nie ins Theater gehen, trotzdem sie Theaterliebhaber sind und reichlich Geld dafür hätten. Diese müßten aus ihrer Lethargie geweckt werden. Die neue Aera, die das Theater in städtischen Betrieb übergeleitet hat, wird hoffentlich in dieser Richtung einigen Erfolg aufzuweisen haben.