Original

29. November 1919

Wenn Luxemburg einmal Großstadt sein wird, dann werden die Alten noch lange die allerhand Kleinstadtgeschichten erzählen, die in die gute alte Zeit sallen. Und die Jungen werden darüber lächeln. Sie werden darüber lächeln, daß es eine Zeit gab, wo die Stadtverwaltung dafür sorgte, daß kein Bürger sich die Nacht um die Ohren schlug, wo es abends noch eine Polizeistunde gab, wo die Polizisten gegen Mitternacht den Kopf zur Türe hereinstreckten und das erste Mal sagten: „Feierabend!“, das zweite Mal: „Da je dir @ären, ’t aß Feierowend!“ und das dritte Mal: „Elo aß et ower de’ he’chsten Zeit!“ Man könnte sich in Brüssel Paris, Berlin und London nicht gut vorstellen, daß um irgend eine Stunde der Nacht ein Schutzmann im Café de la Paix oder bei Bauer hereinkäme und riefe, es sei nun Zeit, daß die Gäste schlafen gingen.

Zur Beruhigung der künftigen Großstadtluxemburger, die dies lesen werden, bemerke ich, daß die Sache durchaus nicht immer so streng war, wie sie aussah. Nur manche Polizisten, die keinen Alkohol vertragen konnten und infolgedessen einen schlechten Charakter hatten, wurden, zumal wenn sie an Magensäure litten oder sich mit ihrer Frau gezankt hatten oder aber am liebsten gradenwegs nachhause gelaufen wären, statt Feierabend zu gebieten - diese also wurden zuweilen ungemütlich und verlegten sich auf den passiven Widerstand, indem sie sich neben die verspäteten Gäste aufstellten und so aussahen, als ob sie ihnen in die Gläser spucken wollten. Das half gewöhnlich.

Nun aber möchte ich die Geschichte erzählen, die mir gestern Freund Fritz zum besten gab und zu der Obiges als Einleitung dient.

„Also“ - erzählte er - „wir saßen eines Abends im Grand Café der Flambert, der Vie und ich, bei einer Monstrepartie Skat. Wir hatten um drei Uhr damit gestartet, wir waren auf der Höhe. Und nicht wahr, wie sagt doch der Volksmund: Was hätten wir mit dem angebrochenen Nachmittag anfangen sollen? Also skateten wir weiter. Die Polizei war schon zweiwal dagewesen. Es war der Dunnerkeil, der in der ganzen Stadt als „Kartenmutter“ bekannt war. Wahrscheinlich hatte er mit Kameraden auf der Hauptwache auch einen Skat aufgelegt und konnte es nicht erwarten, bis er die heißgeliebten Blätter wieder zwischen den Fingern fühlte. Aufeinmal riß er die Türe auf und schrie kratzbürstig herein: „Jetzt ist es zum dritten Mal, jetzt werdet Ihr aufgeschrieben!“ Sprach’s und zog aus dem Busen sein Notizbuch, kam drohend auf uns zu und lief rot an vor Wut, weil wir ihn als Luft behandelten.

„Raus!“ schrie er, einem Schlaganfall nahe.

„Grang mit vieren!“ verkündete Flambert.

Da steckte Dunnerkeil seiner Bleistift wieder an sein Notizbuch, sein Notizbuch wieder zwischen den dritten und vierten Knopf seines Waffenrocks, stellte sich hinter Flamberts Stuhl auf und sagte: „Den Grang muß ich noch abwarten!“

Wir saßen noch um 3 Uhr fest, und immer noch stand Dunnerkeil hinter einem von uns und guckte ihm in die Karten.

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    Katalognummer BW-AK-007-1543