Original

30. November 1919

Kopf und Magen waren sich, wenn ich so sagen darf, in die Haare geraten.

Es ging die Rede davon, daß im Krieg Fälle von Verwundungen vorgekommen sind, bei denen von dem armen Opfer nicht viel mehr übrig blieb, als die Hälfte. Ein Stabsarzt soll gesagt haben, es sei wie bei einer Banknote, die noch gültig ist, wenn mehr als die Hälfte des Scheins gerettet ist. Und die Nummer müsse darauf sein.

Das war es, die Nummer. Jeder von den beiden, der Kopf und der Magen, wollte die Nummer sein, die Hauptsache, die an der übriggebliebenen Hälfte noch dran sein muß, damit sie als Mensch zählt.

„Du willst reden!“ sagte der Kopf. „Sieh mich an! Sitze ich nicht oben, hoch über Euch allen, um zu zeigen, was ich wert bin? Bedenke meine Tätigkeit. Was ich aufnehme, ist immateriell, ätherisch, transzendent das Allerfeinste wo man hat. Und ich nehme es ebense immateriell, ätherisch, transzendent in mich auf. Ich verarbeite es, ich vermehre und verbessere es, ich mache daraus die Gedanken, die die Welt bewegen. Dagegen du! Pfui! Deine Tätigkeit ist nicht salonfähig. Vulgär, materiell, unaussprechlich. Man kann dir die allerseinsten Sachen anvertrauen, es wird immer ein Ende mit Schrecken. Reden wir nicht weiter! Und du willst der edelste Teil am Menschen sein!“

„Fatzke!“ entgegnete knurrend der Magen. „Du bist dir selbst in den Kopf gestiegen. Dein Immaterialismus ist weiter nichts, als Improduktivität. Du bist die Obernzehntausend, die nichts schaffen und alles befehlen und alles genießen wollen. Was wärest du ohne mich! Ich kann sehr gut ohne dich bestehen, aber du nicht ohne mich. Es gibt Leute, von denen jeder sagt, sie haben keinen Kopf. Die haben gewöhnlich die besten Mägen. Ich beherrsche dich, ich habe dich am Schnürchen. Bin ich schlecht gelaunt, so weißt du mit deinen erlesensten Gedanken nichts anzufangen und quängelst überall herum. Das meiste Kopfweh kommt aus dem Magen, aber ich wüßte kein Magenweh, das aus dem Kopf kommt. Warum soll der Mensch nicht ohne dich leben können? Hast du von Geistern gehört, die ohne Kopf, oder mit ihrem Kopf unterm Arm spazieren gehen? Ich möchte den sehen, der seinen Magen unterm Arm trüge! Gustav Meyrink hat wundervolle Geschichten geschrieben von hohen Beamten und Offizieren, die kein Gehirn, @ nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch keinen Kopf hatten, aber es ist ihm nie eingefallen, sich einen Menschen ohne Magen vorzustellen.

Daß du obenauf sitzest, beweist gar nichts für dich. Der Kutscher sitzt auch immer vorne hoch auf dem aber die Herrschaft sitzt inwendig. Ich gehöre zur Herrschaft. Du bist sozusagen nur da oben, damit mit dir durch die Wand rennen können, aber hat die Natur an einer sorgfältig geschützten Stelle untergebracht, wie alles Kostbare, damit mir nicht bald etwas passiert, damit kein Ziegel vom Dach auf mich fallen und ich mich nicht überall anrennen kann. Ich bin die Nummer!“

Da sagte das Herz: „Vertragt Euch nur, die Nummer bin ich! Du, Kopf, kannst versagen, dich, Magen können sie gar ganz herausschneiden, der Mann vergnügt weiter. Sobald ich aber nur fünf Sekunnden stillestehe, ist alles aus und vorbei.

Glaubt mir, die Menschheit wird nicht vom Kopf und nicht vom Magen, sondern vom Herzen regiert

TAGS
    Katalognummer BW-AK-007-1544