Original

2. Dezember 1919

Dieses Kalenderblättlein lasse ich zur Abwechslung einmal von einem guten Freund, der auch ein guter Kerl ist, abreißen. Wer ihn kennt, wird ihn erkennen, an seiner Freude an den Wäldern und Büchern und an seiner leisen, skeptischen Ironie.

Er schreibt wir:

„Das war noch zur Zeit, wo Luxemburg die „Ehre“ hatte, das G. H. Q. zu beherbergen. Ich kam von der „Toten Frau“ her und wollte über Blascheid nach den grünen Seen von Fischbach pilgern. An der Gabelung der Staffelsteinerstraße stand ein feldgraues Anto; nicht weit davon S. M. mit Tirpitz: Da ich kein hoherer suxemburger Beamter bin, kannte ich beide Herren nur aus der „Woche“. Der Kaisor drehte mir den Rücken; Tirpitz maß mich einen Augenblick lang: durchbohtende, immens freche Augen. Ich war keinen Meter von beiden entfernt, und wußte nicht recht, ob ich grüßen sollte oder nicht. So tet ich denn, was jeder luxemburger Bauernjunge getan hätte: ich pfiff lustig vor mich hin, ließ den Grümmelscheider auf den Straßensteinen klingen und schritt grußlos an beiden vorbei. Beim Weitergehen dachte ich bei mir, wie nett es doch von Seiner Majestät sei, eine neutrale Hauptstadt zum Standort Ihres H. Q. auserwählt zu haben. Ich rechnete mir die Dankbarkeit S. M. und des Gefolges lebhaft aus. Ich war deshalb nicht wenig erstaunt, als ich in den „Erinnerungen“ von Alfred v. Tirpitz (Leipzig, bei Köhler, 1919, S. 402) auf folgenden Passus siieß:

„Luxemburg, 11. IX.

.... ...... Ich bin heute mit Hofman, per Auto nach einem Walde gefahren und habe dort einen schonen Spaziergang gemacht, schöne Natur, tiefe Taler. Die forstmännisch schlecht behandelten Wälder wirken wohl gerade darum recht malerisch. Im ganzen erscheint mir Luxemburg als ein höchst vertroddeltes Land. .......“

Freilich, einige Seiten weiter wird die Beobachtung schärfer (S. 409):

„Luxemburg, 26. IX.

........ Die Luxemburger sind stutzig geworden über unser Bleiben; sie meinen, es stehe wohl schlecht in der Front.“

Und:

„Charleville, 28. IX.

Der Kaiser hatte schon vor zwei Tagen in Luxemburg Abschied genommen, und die Verschiebung der Abreise des Hauptquartiers erweckte in Luxemburg Mutmaßungen. Deshalb ging es heute 1 Uhr los ...““

Ich war neugierig, wie die Presse wohl das Ereignis verzeichnet haben mochte und blätterte nach. Ich hatte vergessen, daß während der deutschen Besetzung die Zeitungen geknebelt waren und daß sie als Quelle für eine Kriegschronik deshalb nicht in Betracht kommen.

Die einzige Notiz, aus der mit einiger Findigkeit auf die Befreiung der Hauptstadt von dem Großen Hauptquartier geschlossen werden kann, ist diese, die am 29. September durch die Blätter ging:

„Der Lokalfernsprechbetrieb im Ortsnetz Luxemburg ist von heute nachmittag ab wieder eröffnet.“

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    Katalognummer BW-AK-007-1545