Original

5. Dezember 1919

Als ich vorhin am Amaliendenkmal vorbei durch den Stadtpark ging, kam ein kugelrundes Bübchen von drei Jahren, das sich von der Hand seiner Bonne losgemacht hatte, mit leuchtenden Augen auf mich zugelaufen und sagte: „Scholela!“ und hielt mir seine beiden Patschhändchen mit den Innenflächen nach oben entgegen.

Es rührte mich einigermaßen, daß der kleine Mann soviel Vertrauen in mich setzte. Vielleicht verwechselte er mich auch mit einem andern Onkel, der immer ein Stückchen Schokolade für ihn in der Tasche hatte.

Als ich dann später durch verschiedene Straßen der Stadt ging und gewohnheitsmäßig in die Ladenfenster schaute, fiel mir auf, daß in allen Läden, die sich einigermaßen dazu eigneten, ganze Stapel von Schokoladetafeln lagen: Bei den Konditoren, den Bäckern, den Kolonialwarenhändlern, in den Delikatessengeschäften usw. Und überall eine unglaubliche Auswahl: Französische, amerikanische, schweizerische, holländische, deutsche, englische, belgische Schokolade, kaum ein Kulturland, das nicht mit seinem Produkt vertreten gewesen wäre.

Gibt es denn wirklich kein Gebiet, auf dem der Krieg alles beim alten gelassen hätte! Denn er, und immer er ist schuld daran, wenn irgendwo etwas nicht mehr ist, wie vor sechs Jahren. War denn vor dem 2. August 1914 die Schokolade eine öffentliche, allgemeine Angelegenheit, wie sie sich heute den Anschein gibt, es zu sein? Wer aß denn vor sechs Jahren Schokolade und wer ißt sie heute, oder vielmehr, wer ißt sie heute nicht? Noch ein wenig, und sie wird uns so wichtig, wie uns früher das Brot war.

O du Schokolade unserer Kinderjahre! Wann und wo gab es seither eine, die so würzigen, so wundersam exotischen, so dichterischen Geschmackes gewesen wäre, wie du! Du warst selten, zwei, drei Mal im Jahr erschienst du uns, um sofort wieder zu verschwinden. Du warst ein kleines, rundes Plätzchen, so groß, wie ein halber Sous, und hattest ein reines weißes Zuckerstreusel auf dir. Wenn es hoch kam, warst du die Rippe einer Tafel, und die einen, die Verschwendernaturen, knabberten dich in einem Stück auf, die andern, die haushälterischen Charaktere, legten ein Stück in die Reserve und machten uns noch Tage lang nachher den Mund wässern, wenn sie vor unsern Augen in den braunen Stein bissen.

Dazumal war Schokolade eine Sache der Kinder und höchstens der Frauen. Was ein reifer Mann war, hätte sich geschämt, vor fremden Augen ein Stück Schokolade in den Mund zu stecken. Pfui Teufel! Des Mannes würdig waren nur Gepfeffertes und Gesalzenes, Tabak und Alkohol. Und wenn ein Jäger dahinter gekommen war, wie gut es tat, beim Stapfen über Schollen und Stoppeln sich von Zeit zu Zeit ein Stück Suchard oder Menier zu Gemüt zu führen, so steckte er die Tafel verschämt zu unterst in die Jagdtasche, um nicht als „Naschler“ in Verruf zu kommen.

Der Krieg hat diesem Vorurteil ein Ende bereitet. Durch alle die bösen Jahre kam aus den Marschkolonnen und aus den Schützengräben der Ruf nach Schokolade. Und heute weiß jeder: Schokolade ist 2½mal nahrhafter als Brot, größter Nährgehalt in konzentrierter, haltbarster Form, leicht verdaulich, nicht dursterregend, unerreicht an Feinheit und Wohlgeschmack, idealster Reiseproviant, unentbehrlich für Kinder, Sportsleute und Militär, ärztlich empfohlen usw.

Und ganz zuletzt wurde uns die Schokolade mehr, viel mehr als das Brot des Leibes, sie wurde das Brot der Seele, die Liebe.

Denn wann hätte je ein Mädchenherz höher geschlagen, als sie es heute alle tun beim Klang des süßen Wortes „Tschaklet“, das ihnen gleichbedeutend geworden ist mit Liebe!

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    Katalognummer BW-AK-007-1548