Original

13. Dezember 1919

Heute morgen, es war genau halb sechs, krähte in der Nachbarschaft der Hahn, den ich immer morgens krähen höre. Es liegt in seinem Kökerököh! eine Überzeugtheit, der großen Sache, der es gilt, durchaus würdig. Es muß wahr sein, daß Chantecler, der Hahn der Hähne, an seine Macht glaubte, die Sonne herausgukrähen. Ich höre es meinem Nachbarhahn deutlich an, daß er im selben Glauben lebt, wie der große Chantecler. Denn sich so ins Zeug legen tut man nur, wenn man die Sonne herauskrähen oder trgend etwas gleich Gewaltiges vollbringen will.

Während der Hahn krähte, stellte ich ihn mir vor, wie er auf dem Mist stand, die Brust herauswölbte und Hals und Kopf reckte. Es ist schön, es ist groß, zwischen sich und der Sonne einen Kausalnexus herstellen, trotzdem man auf dem Mist steht. Man muß eben von den Gemeinheiten und Gebundenheiten der Umwelt abstrahieren können, sonst ziehen sie einen hinunter. Man muß sich vom Mist aus mit der Sonne auf du und du stellen können.

Das alles kann der Hahn. Darum hat er es im Leben und in der Literatur so weit gebracht. Er ist das köstlichste Wappentier, das es gibt. Man begegnet ihm überall. Von jedem Kirchturm schaut er ins Land, und wenn wir von einem sagen wollen, daß er Glück hat, sagen wir, er sei Hahn im Korb. Man braucht nur das Wort auszusprechen, so strahlen von ihm tausend Zusammenhänge aus.

Und so geriet ich in meinen Gedanken über den Hahn weit zurück in die Vergangenheit und machte Halt bei dem Hahn in der Bibel, von dem Christus zu Petrus sagte: „Du willst Dein Leben für mich geben? Wahrhaftig ich sage Dir: Heute in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal gekräht hat, wirst Du mich dreimal verleugnet haben!“

Ich sah das alte Bildchen in der Schuster-Bibel: Petrus, der sich mit den Knechten des Hohepriesters Kaiphas im Vorhof über einem lohenden Feuer die Hände wärmte, während im Hintergrund Christus von Kaiphas verhört wird. Die Magd kommt von links u. zeigt auf Petrus: „Auch dieser war bei Jesus, dem Nazarener.“ Und hinter ihr, auf einem Mauersims, steht der schwarze Hahn und kräht zum ersten Mal. Unter den Knechten war ein Vetter des Malchus, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte. Dieser sprach: „Habe ich Dich nicht im Garten bei ihm gesehen?“ Petrus leugnete abermal und schwur sogar: „Ich kenne den Menschen nicht, von dem Ihr redet, ich weiß nicht, was Ihr saget!“ Während er noch redete, krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da wandte sich der Herr um und sah Petrus an. Jetzt erinnerte sich Petrus an das Wort, das der Herr zu ihm gesprochen hatte: „In dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst Du mich dreimal verleugnen!“ Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Alle psychologisch raffinierten Charakteranalysen haben es nicht fertig gebracht, ein echteres, köstlicheres Menschtum darzustellen, als es die Bibel in dieser Gestalt des Petrus darstellt, selbst in der siebenmal abgeschwächten Zurechtmachung der Kinderbibel. Der biedere Fischer, der sein Leben für den Führer geben will, trotzdem er dessen Wesen nicht begriffen hat einzig und allein unter dem Zauber der seelischen Radioaktivität des andern; der dann zum Schwert greift und dreinschlägt, um seinen Herrn zu retten und der ihn, nachdem alles verloren scheint, in naiver Feigheit verrät - aus dem der Herr trotzdem später seinen größten Apostel macht - das ist eine Figur die so groß ist, wie die Menschheit selbst, mit ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihren Aufschwüngen und Selbstsüchten, ihrer Tapferkeit und ihrer Feigheit und zuletzt mit der Größe, mit der sie die Welt und das Leben überwindet.

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    Katalognummer BW-AK-007-1555