Eine der größten inneren Genugtuungen, die dem Menschengeist zuteil werden können, besteht bekanntlich darin, daß er sieht, wie andere seine Kundgebungen nachahmen, in seine Fußstapfen treten.
Darin liegt für ihn die Anerkennung seines richtigen Urteils und Blickes.
Am größten ist diese Genugtuung, wenn jemand die Nachahmung an seinen Gegnern erlebt. Von seinem Feinde soll man lernen, ist ein altes Diktum. Aber was man dem Feinde nachmacht, prüft man immer auf Herz und Nieren, damit es auch die Mühe lohne.
Diese ganze Einleitung soll lediglich zu der Feststellung sühren, daß uns das „Luxemburger Wort“ hier seit Jahrzehnten unaufhörlich die Genugtuung bereitet, von der ich oben gesprochen habe.
Vor 21 Jahren führten wir die ersten Setzmaschinen im Zeitungsbetrieb ein. Wir probten das System aus und bildeten einen Stab von Setzern heran. Und dann kam das „Luxemburger Wort“ und schaffte nicht nur die bewährten Maschinen an, sondern tat uns auch die Ehre, unserm ersten Setzer die Stelle bei seiner neuen Maschine zu übertragen. Größeres Vertrauen kann man nicht einmal seinem besten Freunde schenken.
Dann kamen wir am 1. Januar 1902 zum ersten Mal mit einer doppelten Tagesausgabe heraus. Es war eine Neuerung, über die viele den Kopf schüttelten und mit der manche sich erst nicht wollten einverstanden erklären. Sie waren nicht gewöhnt, beim Morgenkaffee eine inländische Zeitung zu lesen und faßten es als einen lästigen Eingriff in ihre liebgewordenen Gewohnheiten auf. Bis ein paarmal das Morgenblatt ausblieb und sie die Entdeckung machten, daß es ihnen unentbehrlich geworden war.
Da hielt das „Luxemburger Wort“ den Augenblick für gekommen, diesen Schritt vorwärts uns ebenfalls nachzumachen. Vom nächsten 1. Januar ab erscheint es also zweimal täglich. Wir sagten kürzlich, als der Herr Postminister die Quäkermaßregel traf, die das Publikum von Samstag abends bis Montag morgens völlig von der Welt abschließt, daß hoffentlich das „Luxemburger Wort“, wenn es selbst einmal sich zu einer Morgenausgabe aufgeschwungen hätte, mit uns für die Abschaffung dieser Rückwärtsmaßregel eintreten würde. Der Augenblick wäre also gekommen.
Natürlich mußte das „Luxemburger Wort“ uns auch den Abonnementspreis von 5 Fr. pro Quartal nachmachen. So stehen wir also wieder Fuß an Fuß nebeneinander, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als wieder eine Neuerung einzusühren, die uns über zehn Jahre das „Wort“ wiederum nachmachen wird. An uns soll’s nicht fehlen.
Am meisten freilich würden wir uns hier darauf einbilden, wenn wir das „Luxemburger Wort“ auch zu unsern politischen Ideen bekehren könnten. Der Tag, an dem es einen Leitartikel für alle die Weltanschauungsideale schriebe, für die wir kämpfen, hätte unsere kühnsten Träume wahr gemacht. Wer weiß, es ist nicht ausgeschlossen, daß eines Tages sogar im „Luxemburge Wort“ ein Artikel mit der Überschrift: „Gegen die Pfaffen!“ erscheint? Dann könnten wir die Waffen an die Wand hängen und uns zur Ruhe setzen. Aber auch nur dann!