Herr Lawratschek aus Prag schreibt mir, er sei ein bekannter Komponist und von dem dringenden Wunsche beseelt, mir sein neuestes Klavierquartett in D-Moll gratis zu senden. Dann teilt er mir nebenbei mit, sein Junge sei Briefmarkensammler, und der plage ihn täglich um luxemburger Briefmarken. „Bitte vielmals, mir einiges zu verschaffen.“ „Einiges“ wird dann des Näheren erläutert: „Brauche insbesondere à payer Nachporto (ob ungestempelt oder gestempelt ist gleich) 5, 10, 12½, 20, 25, 50, Centimes. Dann Briefmarken 2½, 7, 10, 12½, 15, 25, 30, 35, 37½, 40, 50, 62½, 1, 2½, 5 Franes mit der Großhorzogin Adolheid, und 62½ auf 5 und 2½ Francs, 17½ auf 30 olive, 37½ auf 1 Fr., 2½ und 7½ auf 5 bezw. 10 Fr., alle oficiel. Auch von 1852-1891 jede Marke erwünscht. Werde gerne viele Musikalien senden. Bitte rekommandiert. Ich zahle es gerne.“
Herr Lawratschek hat ein doppeltes Pech. Er wendet sich an einen Mann, der erstens mit einem Klavierquartett nichts anzufangen weiß, und zweitens für Briefmarken nicht die Spur von Verständnis hat.
Ich übergebe deshalb vertrauensvoll mein Recht auf das Klavierquartett in D-Moll demjenigen luxemburger Bviefmarkensammler, der entweder selbst oder dessen Sohn oder Tochter oder Gattin dafür Verwendung hat. Er nimmt sich vielleicht gerne des kleinen Lawratschek an und schickt ihm die Marken, die ich oben ausgezählt habe. (Es sind sicher Fehler in der Aufzählung, Herr L. schreibt undeutlich, er hat sich wahrscheinlich darauf verlassen, daß ich alle luxemburger Marken auswendig im Kopf habe.) Vielleicht schickt er sie ihm auch nicht, trotzdem Herr L. versichert, daß er es gerne zahlt. Mir schwant, als ob diese so harmlos hingeschriebenen Marken einen Sammlerwert haben, der am Ende sogar das Klavierquartett D-Moll aufwiegen könnte. Speziell die Marken aus der Zeit von 1852 sollen, wie ich mich dunkel erinnere, heute sehr gesucht sein. Ich erzählte eines Tages einem Sammler, wie ich als Kind mit einem Kameraden auf dem Speicher seines Elternhauses einen Korb mit alten Geschäftsbriefen aus Holland gefunden hatte. Es waren Briefe, auf blaues Papier geschrieben, das oben links in der Ecke das Wort „Bath“ eingestempelt trug, und die Briefe staken nicht in einem Kuvert, sondern waren kunstgerecht gefaltet und versiegelt. Und außen waren schwarze und rotbraune Briefmarken drauf mit dem Kopf des alten Königs. Wir bekamen von der Mutter meines Kameraden die Erlaubnis, die „Köpfchen“ auszuschneiden und klebten sie auf Bogen zu allerhand Figuren, Kreuzen, Sternen usw. zusammen. Die Bogen verbrannten wir später. Als ich dem Sammler dies sagte, blickte er mich haßerfüllt an und durch seine Augen ging eine Sekunde lang jenes Phosphoreszieren, das durch Mordgier erzeugt wird.
Also es ist ausgemacht, daß ich von Briefmarken nichts verstehe und Herr Lawratschek sich an eine faksche Adresse gewandt hat.
Postskriptum: Eben lese ich die Karte des Herrn L. genauer nach und finde auf der Adresse folgende Angabe: „Luxemburg in Deutschland.“
Und ich hatte immer gehört, die Briefmarkensammler seien besonders fix in Geographie und Geschichte, das sei einer der sittlichen Hintergründe der Philatelie!
Jetzt kann mir der Kompon ist aus Prag überhaupt gestohlen werden. Wenn er Briefmarken von Luxemburg in Deutschland haben will, soll er sich nach Berlin wenden!