Es war kürzlich wieder in den Zeitungen die Rede von dem Gegensatz: Stadt und Land. Die von draußen hatten einen Anlaß benützt, der Stadt ihre Mißgunst zu bezeugen.
Ich glaube, diese Erscheinung tritt nirgends mit solcher Schärfe auf, wie hier. Ich will nicht sagen, daß zwischen Stadt und Land Luxemburg gradezu Haß herrscht, aber es ist ein Gemisch aus Neid, Verachtung und Abneigung. Ich habe schon früher, lange vor dem Krieg, als die Vokabeln Produzent und Konsument in ihrer Gegensätzlichkeit unserm Sprachschatz noch gar nicht angehörten, Äußerungen von beiden Seiten vernommen, die auf eine unüberbrückbare Kluft douteten. Für den Städter ist der Bauersmann ein Abgrund von Selbstsucht, Klobigkeit und andern Tugenden derselben Güte, der Landbewohner sieht in dem Städter den Müßiggänger, Windbeutel, Betrüger, Gottesleugner, kurzum, ein übertünchtes Grab, eine Wasserpocke am Körper des Volkes. Sie sagen es nicht in dieser Krassheit, aber mehr oder weniger empfinden alle nach diesem Schema.
Es ist mir immer aufgefallen, daß dieser schroffe, in seiner Schroffheit manchmal komische Gegensatz eigentlich nur hier, zwischen Stadt und Land Luxemburg vorhanden ist. Der Franzose sieht in Paris der Engländer in London der Bayer in München keinen Gegenstand des Neids oder der Verachtung, er ist im Gegenteil stolz auf seine Hauptstadt, die ihm als eine Art Synthosis seiner nationalen Werte gilt. Der Österreicher singt begeistert: Es gibt nur a Kaiserstadt, es gibt nur a Wean! Hören Sie Herrn de Villers singen: Es gibt nur a Luxemburg! Bei ihm begreift man schließlich die Abneigung, da die Luxemburger ihn nach seinem ersten Wahlsieg über Brincour in effigie verbrannten. Aber was haben die Luxemburger Hrn. Wirtgen und den Leuten von Olm zuleid getan?
Wir brauchen übrigens nicht nach Wien und London zu gehen, wir haben ganz in der Nähe Beispiele derselben Art: Esch als Metropole des Industriebezirks, der Roten Erde, hat nie unter dem Neid und der Verachtung der Landbevölkerung gelitten. Und das führt vielleicht zur Erklärung des Phänomens.
Luxemburg als, Stadt war in der Geschichte selten oder nie mit der Landbevölkerung verwachsen. Seine Einwohnerschaft war durch Belagerungen, durch Durchsetzung mit allerhand fremden Elementen, durch Angewiesensein auf ganz besondere Existenzbedingungen ein Volksteil sui generis geworden, der mit der Bauernschaft da draußen fast gar keine inneren und äußeren Berührungspunkte mehr hatte. Für die da draußen war gewissermaßen die Wanze zum Wappentiet der Städter geworden, die zusammengepfercht, physisch und seelisch in krämerhafte Enge gebannt waren. Esch dagegen war nie abgeschlossen, da ging der Strom aller Beziehungen immer breit und ungehindert hinein und heraus.
Vielleicht liegt der Gegensatz aber auch tiefer. Vielleicht fehlt uns das, was den Franzosen an Paris, den Engländer an London, und den Österreicher an Wien bindet: die tiefe völkische Zusammengehörigkeit. Vielleicht ist bei uns über den kleinlichen, zeitgebundenen Gegensätzlichkeiten nicht das große Einheitsgefühl, in dem wir uns alle als Teile eines Ganzen empfinden müßten.
Vielleicht? Ich hoffe, glaube das Gegenteil. Aber das Fragezeichen bleibt stehen.